Das Gürzenich-Orchester in Asien

Das Gürzenich-Orchester in Asien

Spielt
Clara Jumi Kang about the upcoming tour to South Korea
Spielt
Daishin Kashimoto and François-Xavier Roth about the Asia tour

Das Gürzenich-Orchester beendet die Saison 2021/22 mit einer Tournee durch Japan und Südkorea unter der Leitung von Gürzenich-Kapellmeister François-Xavier Roth.

Der Auftakt der Tournee vom 2. bis 8. Juli 2022 ist in Kawasaki, gefolgt von zwei Konzerten in Tokyo in der legendären Suntory Hall und in Tokyo Opera City. Nach dem Abschlusskonzert in Ako folgen Auftritte in Südkorea in Seoul und Andong. Als Solisten hat das Orchester den Geiger Daishin Kashimoto, die Pianistin Hisako Kawamura und die Geigerin Clara Jumi Kang eingeladen.

Es ist eine besondere Ehre für das Gürzenich-Orchester, als eines der ersten internationalen Orchester seit Beginn der Corona-Pandemie nach Japan zu reisen und in den beiden bedeutendsten Sälen des Landes, der legendären Suntory Hall und in Tokyo Opera City, Werke aus dem Kernrepertoire des Orchesters präsentieren zu können. Mit der »Rheinischen« Sinfonie Nr. 3 von Robert Schumann und der 4. Sinfonie von Anton Bruckner gibt das Gürzenich-Orchester seine Visitenkarte ab, ganz neu gelesen und interpretiert von Gürzenich-Kapellmeister François-Xavier Roth.

Die Einladung nach Japan ist auch eine Anerkennung der künstlerischen Exzellenz, die das Orchester unter der Ägide von François-Xavier Roth erreicht hat. Von dieser kann sich nicht nur das Publikum in Tokio, sondern auch in Kawasaki und Ako überzeugen. Anschließend reist das Orchester nach Südkorea für zwei Konzerte in Andong und dem akustisch herausragenden Seoul Arts Center.

Für Gürzenich-Kapellmeister François-Xavier Roth ist die Reise ein Höhepunkt der Saison: »Ich freue mich riesig, wieder nach Asien reisen zu können, und nun mit meinem Gürzenich-Orchester auch nach Japan. Es ist eine Freude und eine Ehre, die Konzertsäle dort sind außerordentlich schön und haben eine unglaubliche Akustik. Ich habe mein Publikum dort sehr vermisst. Die Japaner kennen die klassischen Werke sehr gut, und sie sind sehr freundlich und warmherzig – es ist wirklich mein Lieblingspublikum. Auch in Südkorea hat die klassische Musik eine lange Tradition. Wie viele großartige Musikerinnen und Musiker aus Südkorea und auch aus Japan haben wir nicht inzwischen im Gürzenich-Orchester!

Unser Programm für die Tournee reflektiert einen großen Teil unserer Identität: Schumann, Beethoven und Bruckner. Wir spielen Bruckners Vierte Sinfonie in der Urfassung, die immer noch viel zu selten aufgeführt wird. Bruckners Sinfonien haben eine lange Tradition in Köln, man denke nur an meinen Vorgänger im Amt des Gürzenich-Kapellmeisters, Günter Wand. Unser heutiger Zugriff ist modern und schlank, und wir freuen uns, das mit unseren Schumann- und Bruckner-Zyklen auf CD weltweit mit einem großen Publikum teilen zu können.

Mit dem Geiger Daishin Kashimoto habe ich bereits als Solist gearbeitet, und als ich die Berliner Philharmoniker dirigierte, war er dort Konzertmeister. Er ist ein großartiger Künstler und Virtuose, ich freue mich, mit ihm das Konzert für Violine und Orchester von Camille Saint-Saëns aufzuführen – 2021 wollten wir den 100. Todestag von Camille Saint-Saëns feiern, das holen wir jetzt nach. Mit der ausgezeichneten Pianistin Hisako Kawamura und der Geigerin Clara Jumi Kang wird es dagegen die erste Begegnung, auf die ich mich sehr freue.«

Das Gürzenich-Orchester war zuletzt mit François-Xavier Roth 2017 in Seoul, Peking und Shanghai. 2014 besuchte es mit dem Vorgänger von Roth, Markus Stenz, die gleichen Städte und zusätzlich noch Hongkong. 2010 war das Gürzenich-Orchester gemeinsam mit der Oper Köln zu Gast auf der EXPO 2010 in Shanghai mit zwei Aufführungen von Richard Wagners »Ring des Nibelungen«, die erste Aufführung des kompletten »Ring« in der Geschichte Chinas. 1992 gastierte das Gürzenich-Orchester gemeinsam mit der Oper Köln in Japan, gezeigt wurden die Produktionen »Der fliegende Holländer«, »Macbeth« und »Die Entführung aus dem Serail« in Inszenierungen von Michael Hampe, es dirigierte James Conlon. Die Operngastspiele in China und Japan waren jeweils von Orchesterkonzerten begleitet.

Es ist für uns eine besondere Ehre, als erstes internationales Orchester seit Beginn der Corona-Pandemie nach Japan zu reisen.

Stefan Englert, Geschäftsführender Direktor des Gürzenich-Orchester Köln

Reisetagebuch

Tag 10: »Zehn ereignisreiche Tage liegen hinter uns. Und es fühlt sich fast wie früher an!« von David Neuhoff

Eine ereignisreiche, erfolgreiche, spannende und auch anstrengende Tour geht heute zu Ende. Als wir am vorletzten Donnerstag mit  einigen Startschwierigkeiten reisetechnischer Natur früher als geplant unsere Reise in den fernen Osten als Kulturbotschafter der Stadt Köln starteten, waren die Gefühle während der langen Anreise gemischt: auf der einen Seite die große Vorfreude, dass wir endlich wieder unterwegs sein und unsere Leidenschaft in einem anderen Kulturkreis teilen dürfen. Auf der anderen Seite auch ein wenig Sorge vor dem Ungewissen und den leider nach wie vor präsenten Einschränkungen und Belastungen durch Covid19. 

Ein volles Programm erwartete uns ab dem ersten Tag in Tokyo: beginnend in Kawasaki und Tokyo, über Ako ging es nach Andong und Seoul. Wir durften sechs wunderschöne Konzerte in unglaublichen Sälen mit herausragenden Solisten vor einem fantastischen Publikum spielen. Jeder Saal war besonders und auf seine eigene Art beeindruckend - sei es klanglich und/oder architektonisch. François-Xavier hat uns mit seiner Energie und Begeisterung für die Musik zu Höchstleistungen motivieren können und uns während der Proben und vor allem der Konzerte unsere zuweilen große Müdigkeit und Erschöpfung (wir haben in zehn Tagen rund 27.000 km hinter uns gebracht!) beinahe vergessen lassen. Dies wurde uns von unserem großartigen Publikum bei jedem einzelnen Konzert gedankt. In dem frenetischen Jubel schwang neben der Begeisterung große Dankbarkeit und - so klang es - auch der Wunsch nach und die Freude über eine Rückkehr zur Normalität im Leben und besonders im kulturellen Austausch mit. Die Energie transportierte sich durch jeden Saal und trug uns auf dieser Reise.

Nun, während des letzten Fluges, zurück nach Deutschland, rekapitulieren wir das Erlebte und Geleistete. Während ich mich im Flugzeug umsehe, merke ich wieder, ebenso wie auf der Hinreise, gemischte Gefühle in mir. Ich freue mich darauf, nach Hause zu kommen und die Erlebnisse zu teilen und gleichzeitig bin ich neugierig und gespannt, welche neuen Abenteuer und Möglichkeiten auf uns warten, wenn wir immer mehr zurück Richtung Normalität gehen. Die Möglichkeit in fernen Ländern und anderen Kulturkreisen zu spielen und den Menschen Musik und auch ein Stück von Deutschland näher zu bringen, empfinde ich als Privileg und erfüllt mich mit Stolz. Ebenso mit Stolz erfüllt es mich, mit so herausragenden Kolleginnen und Kollegen spielen zu dürfen, die gemeinsam auf so einer Tournee immer wieder über sich hinauswachsen und die Zeit in fernen und fremden Ländern zu etwas Besonderem machen. Unser besonderer Dank gilt auch den vielen helfenden Händen im Hintergrund - unseren Orchesterwarten und  unserer Verwaltung - ohne die eine solche Tour nicht möglich wäre. 

Unsere Tournee nach Japan und Südkorea hat wieder gezeigt, dass die Musik trotz Sprachbarrieren und kultureller Unterschiede Menschen zusammenbringt, über Ländergrenzen hinweg verbindet und mit Glück und Freude erfüllt.

Voller Dankbarkeit blicke ich zurück und voller Vorfreude in die Zukunft mit dem Wunsch auf ein möglichst baldiges Wiedersehen!

David Neuhoff, Horn
Sprecher des Orchestervorstands

Tag 8: »Wir wünschen unseren Kollegen, dass sie in Korea glücklich sind und dass das koreanische Publikum unsere Konzerte genießt.« Interview mit Jee-Hye Bae und Kyuri Kim 

Jee-Hye und Kyuri, ihr spielt seit ein paar Monaten hier im Gürzenich-Orchester zusammen. Aber ihr kanntet euch schon vorher. Wie habt ihr euch kennengelernt?
Jee-Hye: Als ich in Berlin war, habe ich zufällig ein Konzert von Kyuri besucht. Und ich habe mich sofort in ihr Spiel verliebt. Ich schlug vor, zusammen in einem Streichquartett zu spielen, als wir an der Hans Eisler Musikhochschule aufgenommen wurden. Leider konnten wir mit unserem Streichquartett nicht weitermachen, weil ich das Probespiel beim Gürzenich-Orchester in Köln gewonnen habe. Und siehe da, jetzt sind wir wieder hier zusammen!

Kyuri, wie ist das Leben in Köln?
Kyuri: Köln fühlt sich für mich wie Zuhause an und so war es auch schon von Anfang an. Und schon beim Vorspielen konnte ich die warme Atmosphäre dieser Stadt und des Orchesters spüren. Ich bin so froh und fühle mich geehrt, Teil einer Gruppe zu sein, die so freundlich und enthusiastisch ist.

Ihr kommt beide aus Südkorea. Ist es besonders für euch, jetzt mit eurem Orchester in eurem Heimatland zu spielen? 
Jee-Hye: Ja, in der Tat. Wir hätten nie gedacht, dass wir so aufgeregt sein würden! Es fühlt sich nicht real an, dass wir hier in Korea mit unseren Kollegen sind. Als wir hier in Korea ankamen, sagte Kyuri, dass sich ihre Schultern und ihr Rücken plötzlich aufrichteten, als ob sie sehr zuversichtlich und stolz wäre! ^^ Wir wünschen unseren Kollegen, dass sie in Korea glücklich sind und dass das koreanische Publikum unsere Konzerte genießt.

Das Gürzenich-Orchester spielt zwei Konzerte, eines in Seoul und eines in Andong. Habt ihr schon einmal in diesen Sälen gespielt? Wenn ja, wie unterscheiden sich die Städte, die Säle und das Publikum?
Jee-Hye: Wir haben schon im Seoul Arts Center gespielt, aber nicht in Andong. Die Stadt Andong ist berühmt für die »Hahoe Village«, dessen gesamtes Dorf zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört. Es hat also eine ganz andere Atmosphäre als Seoul. Das Seoul Arts Center ist der beliebteste Saal für klassische Musik in Korea. Es wurde 1988 gebaut, als ich geboren wurde. Klassische Musik hat in Korea noch keine lange Geschichte, daher besteht das Publikum mehr oder weniger aus jungen Leuten. Deshalb sind die Reaktionen des Publikums immer sehr leidenschaftlich.

Jee-Hye, du bist in Seoul aufgewachsen, deine Familie lebt hier, du hast hier studiert. Was machst du, wenn du für zwei Tage zurückkehrst? 
Jee-Hye: Diesmal war ich natürlich die ganze Zeit mit dem Orchester zusammen. Aber üblicherweise holt mich meine Mutter vom Flughafen ab und wir fahren nach Hause, wo die berühmten koreanischen Gerichte meiner Mutter auf mich warten. Ich wünsche mir immer, dass ich länger als zwei Tage bleiben kann, wenn ich Korea besuche!

Ihr kennt das Leben in Köln und in Berlin. Wie unterscheidet sich das Leben dort vom Leben in einer Metropole wie Seoul?
Jee-Hye: Der größte Unterschied zwischen Seoul und Köln/Berlin ist das Nachtleben. In Seoul kann man einkaufen gehen, sich einen Film im Kino ansehen oder tun, was man will, egal wie spät es ist, sogar sonntags. Natürlich gibt es auch in Deutschland Bars, die bis spät in die Nacht geöffnet haben, aber für Leute wie mich, die nicht trinken, ist es ein bisschen schwierig, nachts in einer Bar Spaß zu haben. Aber ich mag die ruhige Zeit in der Nacht, die Stille an Sonntagen in Deutschland sehr.

Welche Aktivitäten/Sehenswürdigkeiten/Restaurants würdet ihr empfehlen, wenn wir einen Tag in Seoul wären?
Jee-Hye: Ich würde euch gerne zu meinen Eltern einladen und meine Mutter würde kochen!

Tag 7 –»Die ganze Erfahrung ist sehr bewusstseinserweiternd« von Liz Macintosh

Hallo heute von Liz Macintosh!

Ich habe das Glück, auf dieser Tournee zu sein, nachdem ich Ende Mai in den Ruhestand gegangen bin. Tourneen sind zweifellos anstrengend, aber sehr lohnend, und ich bin dankbar, dass ich dank meiner Geige so viele wunderbare, weit entfernte Orte gesehen habe.

Es war wirklich sehr bewegend, die Reaktionen des Publikums bei unseren Konzerten zu sehen und zu erkennen, wie wichtig dies für sie war. Konzertkarten sind hier unglaublich teuer. Wir haben großes Glück, dass wir hier spielen. 

In meinen 33 Jahren als zweite Geige im Gürzenich-Orchester habe ich fast jede Tournee  mitgemacht. Wir spielen nicht nur in vielen fantastischen Konzertsälen, sondern haben manchmal auch ein bisschen Zeit, um die Sehenswürdigkeiten zu besichtigen und einige der Dinge zu tun, die im Reiseführer stehen. An Tagen wie heute ist an Sightseeing überhaupt nicht zu denken! Aber ich habe festgestellt, dass man immer einen gewissen Eindruck von einem Ort mit nach Hause nimmt – auch wenn man nicht viel oder gar keine Zeit zum Erkunden hat. Die ganze Erfahrung ist sehr bewusstseinserweiternd. Es ist eine wertvolle Erfahrung, sich die Zeit einzuteilen und zu wissen, wie man fit und gesund für die Konzerte bleibt und die Landeskultur aufnimmt, wo und wann man kann. Es war besonders bewegend zu sehen, wie stolz und glücklich unsere koreanischen Kollegen sind, mit uns in ihrem Land zu sein, und wie sehr sie darauf bedacht sind, dass wir hier eine tolle Erfahrung machen. 

Heute fand unser Konzert in Andong statt.
Zumindest auf dem Papier sah es so aus, als würde es ein unglaublich harter Tag werden.

Ich hätte gehofft, wir hätten das Unesco-Volksdorf Hahoe oder das berühmte Maskenfest-Museum besuchen können, aber dafür war keine Zeit!

Die Busfahrt nach Andong dauerte 5 Stunden (in dem bei weitem bequemsten Bus, den ich je gesehen habe), einschließlich eines Zwischenstopps für Kaffee und eines weiteren für ein köstliches traditionelles koreanisches Mittagessen. Wer bekommt schon so viel von der koreanischen Landschaft während  eines so kurzen Aufenthalts zu sehen? Nicht viele!

Wir hielten in einem Hotel in Andong, um uns kurz auszuruhen und frisch zu machen, und fuhren dann weiter zur Konzerthalle. Während der Probe trafen wir unsere neue virtuose Solistin, Clara Jumi Kang, und spielten mit ihr das Saint-Saëns-Konzert durch, wobei wir Änderungen vornahmen, um es ihrer Interpretation anzupassen. Dieser Saal hatte seine ganz eigenen akustischen Herausforderungen und  außerdem war die Luftfeuchtigkeit unglaublich hoch, aber man hatte das Gefühl, dass das Orchester eine ganz besondere Verbindung hatte, vor allem zu François-Xavier, der uns mit großer Energie und einem ebensolchen Lächeln durch das Programm führte. Die Zugabe leitete er sogar mit einer kurzen Rede auf Koreanisch ein, was beim Publikum sehr gut ankam! Wir verließen die Bühne extrem verschwitzt, aber irgendwie sehr zufrieden!

Wir zogen uns schnell um und stiegen wieder in den schönen Bus für die Rückfahrt nach Seoul. 

Die Organisation dieser gesamten Tournee war phänomenal – unsere Verwaltung, die während der Planungsphase wahre Berge versetzt hat, damit diese Tournee überhaupt stattfinden konnte, und die sich natürlich von Tag zu Tag um uns gekümmert hat. Die atemberaubend effizienten Leute von Japan Arts und Vincero, die uns unter anderem auf den Flughäfen oder in und aus den Bussen herum geschleust haben und dafür gesorgt haben, dass wir unsere Corona-Tests gemacht haben (Corona-Update: kein einziger Fall auf der gesamten Tournee!) Unsere Stagecrew, Wolfgang, Eto und Martin, ist legendär. Sie sind immer schon Stunden vor uns an den Konzertorten, ebnen uns den Weg und bauen alles auf, und sie sind die Letzten, die gehen, wenn das ganze Equipment für den Transport bereit ist. 

Eine Tournee ist eine so wichtige Sache für das Orchester. Es ist eine sehr verbindende Zeit für uns. Wir verbringen mehr Zeit miteinander und leiden alle unter dem unvermeidlichen Jetlag, aber wir ziehen trotzdem an einem Strang, um bei den Konzerten unser Bestes zu geben!

Echte Teamarbeit - es ist wirklich einmalig!

 

Liz Macintosh
2. Violinen

Tag 6: »Ich habe das Gefühl, dass in Japan alles viel stressfreier und effizienter passiert als in Deutschland« von Victor König

Hallo,

Mein Name ist Victor und ich bin Fagottist in der Orchesterakademie des Gürzenich-Orchesters. Heute werde ich ein wenig vom Reisetag von Japan nach Korea berichten.

Der Tag begann –  immer noch gesättigt vom späten und ausladenden Abendessen am Vorabend im Hotel in Himeji – mit einem kleinen Frühstück um 6.30. Ich selber konnte nur eine Misosuppe und ein bisschen Obst essen zu so einer frühen Uhrzeit. Anschließend fuhren wir mit dem Bus die rund 150 km zum Flughafen Osaka. Es ging kilometerweit über die Autobahn durch die Hafenstadt von Osaka, die mit Kränen, Brücken, Containerschiffen und Industriegebäuden vollgepackt war. Besonders beeindruckend finde ich auch, dass der Flughafen auf einer künstlich aufgeschütteten Insel in der Bucht von Osaka liegt, 5km von der Küste entfernt.

Der Check-in und Flug verliefen sehr entspannt. Ich habe das Gefühl, dass in Japan alles viel stressfreier und effizienter passiert als in Deutschland, wo vieles gerne unnötig kompliziert und umständlich gemacht wird.

In Seoul angekommen fuhren wir noch eine Stunde vom Flughafen zum Hotel durch die Stadt. Sehr beeindruckt haben mich die unglaublich vielen Hochhäuser, die breiten Straßen und der Hangang, der Fluss durch Seoul. Auf mich macht Seoul einen viel größeren und unüberschaubareren Eindruck als Tokio, obwohl letzteres ca. 5 Mio. Einwohner mehr hat.

Am restlichen Tag habe ich mich dann noch aufgemacht, die Stadt zu erkunden. Zunächst zu Fuß bei 35°C und super hoher Luftfeuchtigkeit und dann mit der Metro. Wir kamen durch ein schönes altes Viertel mit vielen kleinen Gassen, Schreinen und Tempelanlage. An einem der vielen Streetfood-Stände habe ich mir ohne genau zu wissen, was ich bekomme frittiertes Gemüse gekauft, welches sehr gut war. Später waren wir noch in einem kleinen koreanischen Lokal. Zu den Hauptgerichten – ich hatte eine scharfe Fischsuppe – wurden viele kleine Beilagen, Suppe und Tee gereicht. Vieles davon ist sauer oder scharf eingelegtes Gemüse wie Kohl oder Rettich. Später, auf dem Rückweg hat es noch krass das gewittern angefangen.

Ich freue mich sehr, dass ich Teil dieser tollen Reise sein kann. Trotz der vielen Konzerte in kurzer Zeit und damit anstrengenden Tage ist es für mich eine super Erfahrung, diese Länder bereisen und bespielen zu dürfen. Ich werde besonders die tollen Konzerte, netten Menschen und das köstliche Essen in Erinnerung behalten.

Victor König
Akademist Fagott


 

Tag 5 »Ohh! Das ist es, mein liebes Japan!« von Chieko Yoshioka-Sallmon

Corona, Transport-Schwierigkeiten, überraschende Änderungen und vieles mehr… und trotzdem sind wir in Japan angekommen!! 

Beim ersten Konzert hatte ich noch nicht so wirklich das Gefühl, dass ich wieder in meiner Heimatstadt bin. Ich glaube, ich war noch benebelt von der Aufregung der Reise.

Erst nach dem Konzert als ich vom Hotelzimmer die wunderschöne nächtliche Kulisse von Tokio gesehen habe, ist es mir eingefallen: »Hallo Tokio! Ich bin wieder da! (^_−)«

Tokio ist nur nachts schön, tagsüber ist die Stadt grau. In den Nächten von Tokio gibt es überall rote kleine Lichter, die an und aus gehen – es sieht aus wie Sterne und so langsam erinnere ich mich an mein damaliges Leben in dieser Stadt. Doch viel Zeit bleibt mir für diese Erinnerunge nicht, denn jede Sekunde dieser Reise ist durchgetaktet. Es geht immer weiter, so schnell, dass man fast keine Möglichkeit hat gemütlich dick zu werden. :D 

Das zweite Konzert in Japan ist mir ganz besonders in Erinnerung geblieben, denn als wir Bruckners 4. Sinfonie spielten, waren alle Kolleg*innen so super konzentriert, dass das musikalische Erlebnis atemberaubend war. Meine Freundinnen, die sich das Konzert angehört haben, war sowas von begeistert. Jede Minuten kam ein neuer Klang und neue Farben! Für mich war es eines der Konzerte, von denen ich bestimmt Jahre lang schwärmen werde.

Und dann kam das Konzert in der Tokyo Suntory Hall! Meine Familie kam: Meine Mutter ist 94 Jahre alt und war zum letzten Mal vor etwa vor 20 Jahren in einem meiner Konzerte in der Kölner Philharmonie. Meine Emotion waren bei 150%. Mindestens!

Meine Schwester war genauso aufgeregt wie ich über das große Glück, dass unsere Mutter noch einmal »live« mein Konzert erleben konnte. Zum Glück habe ich meine Pult-Partnerin Juta und unseren Dirigenten François-Xavier Roth, die mich wieder in die Welt der Musik zurück geholt haben. Ich habe großen Vertrauen in Herrn Roth. Er führ uns mit den schönen Bewegungen seiner Hände durch die »musikalische Reise« (wie er in einem Interview in Japan gesagt hat). Nach dem Konzert konnte ich meine Tränen nicht mehr stoppen. Vielen vielen Dank an alle Lieben! Ich war sooo glücklich!

Diese Nacht habe ich erstmal 6 Stunden durchgeschlafen. Und heute habe ich die Aussicht vom Shinkansen genossen. Ich bin zwar mitten in Tokio groß geworden, aber wenn ich vom Shinkansen die Bambuswälder, die Teefelder und die saftige Natur sehe, denke ich jedesmal »Ohh! Das ist es, mein liebes Japan!«

Die ganze Tournee ist sehr anstrengend, aber das viele konzentrierte Musizieren macht mir viel Spaß. Es ist so als würde man irgendwo in einem fremden Land Urlaub machen: mit vielen Überraschungen, neuen Entdeckungen und viel neuer Farbe und Klang. Es ist gemütlich wie immer gleich zu spielen und das immer am gleichen Ort. Aber bei dieser Tournee merkt man doch, dass jeder Saal anders klingt, wir in jeder Situation anders reagieren müssen und jede Emotion einen beeinflusst. Eigentlich bin ich eine Freundin von Sicherheit und Ruhe – nur ab und zu darf es auch Mal ein Abenteuer geben. Diese Reise war was zum Beispiel eins.

Chieko Yoshioka-Sallmon
1. Violine

Tag 4 »In diesem Moment auf der Bühne auf der anderen Seite der Welt« von Ikuko Homma

Unsere Tournee durch Japan und Südkorea ist und bleibt etwas ganz besonderes. Die Konzerte in den atemberaubenden Sälen, das Zusammensein mit den Kolleginnen und Kollegen, die Kultur – alles daran ist schön und auch ein wenig anstrengend. 

Mir bedeutet diese Reise ganz besonders viel. Seit nun ungefähr 2 ½ Jahren war ich nicht mehr in meiner Heimat Tokyo und jetzt habe ich auch noch die wunderbare Situation mit »meinem« Orchester hier zu sein. Zwei Dinge, die mich prägen und mir viel bedeuten sind durch diese Tournee vereint.

Unsere Konzerte in Kawasaki und Tokyo, besonders das in der Tokyo Suntory Hall, waren beeindruckend und voller magischer Momente. Die Begeisterung für die Musik von Schumann, Beethoven und Saint-Saëns war spürbar. Das Orchester ist mit jedem Auftritt immer enthusiastischer und diese unfassbare Freude konnte man nicht zuletzt auch im Publikum sehen. Standing ovations, die wir in diesem Ausmaß bisher noch nicht kannten erforderten, dass François-Xavier Roth immer wieder auf die Bühne kommen musste – während wir Musiker*innen unsere Instrumente schon längst eingepackt haben. Es scheint, als wäre das japanische Publikum durstig nach Musik, die wir im Programm mitgebracht haben. 

Jedes Mal wenn wir den letzten Satz von Schumanns 3. Sinfonie in Es-Dur (»Rheinische«) spielen bekomme ich Gänsehaut. Die Sinfonie, die unser Zuhause Köln so gut symbolisiert erklingt in diesem Moment auf der Bühne auf der anderen Seite der Welt – in meinem anderen Zuhause.

Ich hoffe sehr, dass wir in nicht allzu ferner Zukunft wieder hierhin reisen können, dieses begeisterte Publikum mit neuer Musik bespielen und die fantastische Atmosphäre und Akustik aufsaugen können. 

Ikuko Homma
Solo-Englischhorn / Oboe

Tag 3: »10 bis 20 Stockwerke« von Valentin Ungureanu

Guten Tag, 

mein Name ist Valentin Ungureanu. Ich darf Ihnen als Mitglied der ersten Violinen von meinen Erfahrungen am dritten Tag unserer Japan und Korea Tournee mit dem Gürzenich-Orchester Köln erzählen.

Der Tag begann wie schon gestern mit einem surreal erscheinenden Blick aus dem Hotelfenster über die Dächer von Tokyo. Nach den vergangenen Jahren fühlt es sich tatsächlich sehr besonders an, wieder hier zu sein. Um diesen Gedankengang zu vertiefen blieb am Morgen jedoch noch nicht viel Zeit, da nach der Testung und dem Frühstück auch schon die Fahrt zu unserem nächsten Konzertort anstand – der Tokyo Opera City Concert Hall. 

Ich habe mir bewusst den heutigen Tag zum schreiben ausgewählt, da mich dieser Konzertsaal jedes Mal besonders beeindruckt. Es ist schwer einzuschätzen, wie hoch die pyramidenähnliche Decke reicht; in meiner Fantasie sicher 10 bis 20 Stockwerke. Aber auch sonst ist der Saal ein wahres Kunstwerk. So durften wir die Akustik nach der Ankunft in einer tatsächlich sehr ausgedehnten Probe austesten (was nach dem Konzert am Abend zuvor mit anderem Programm und noch etwas vorhandenem Jetlag eine gewisse Schwierigkeit mit sich brachte), es blieb dankenswerterweise anschließend aber noch etwas Zeit zum Mittagessen und Umziehen. Es folgte ein für deutsche Standards ungewöhnlich frühes Konzert um 15 Uhr. Auf dem Programm standen Mozarts Klavierkonzert in d-moll und Anton Bruckners 4. Sinfonie in Urfassung. Dieses Programm stellt auf unserer Reise eine Besonderheit dar, da wir es nur dieses eine Mal zum Besten geben. Für mich persönlich etwas schade - ich spiele die Bruckner Sinfonie trotz der typischen Tremmolopassagen sehr gerne; mit Schumanns 3. Sinfonie und den anderen Werken werden wir aber auch noch viel Freude haben. Das Konzert wurde für Publikum und Orchester ein voller Erfolg und ich bin sehr dankbar, als Teil des Gürzenich-Orchesters wieder in Japan und diesem speziellen Saal gespielt haben zu dürfen. 

Beim üppigen Endapplaus unterbrach Herr Roth überraschenderweise das Publikum, um eine kurze Rede auf japanisch zu halten. Frei übersetzt lobte er die Möglichkeit nach den letzten schweren Jahren wieder in Japan konzertieren zu können und er hoffe, dass unser Konzert einen Start für eine Rückkehr für internationale Orchester nach Japan darstelle. Das Publikum antwortete mit viel Beifall. Für mich persönlich war und ist es eine Freude, mit meinen herzlichen Kollegen und Freunden im Gürzenich-Orchester zu reisen und zu konzertieren.

Nun, zu guter letzt – gegen 18.30 Uhr erreichten wir wieder unser Hotel und so verlief sich der Abend anschließend (ohne Instrumente) in kleinen Gruppen in den Straßen von Tokyo. 

Valentin Ungureanu,
1. Violinen

Tag 2: »Muza Kawasaki Concert Hall« von Ulrike Schäfer

Unser 1. Konzerttag beginnt mit einer für uns neuen Routine: vor Betreten des Frühstücksraums im Hotel erwarten uns Temperaturmessung und Schnelltest auf elegante japanische Art: kein Gefummel mehr mit Teststäbchen. Stattdessen: stellen Sie sich etwas wie einen USB Stick vor, dessen abnehmbare Kappe ein Stück robustes Flies enthüllt, der 2 Minuten im Mund behalten und 10 Minuten später den begehrten einzelnen roten Strich im Display anzeigen wird.


Unsere Probe für unser 1. Konzert in Kawasaki findet vormittags, und das ist wirklich außergewöhnlich, in einem anderen Saal statt. Doppelte Arbeit für unsere Orchesterwarte, die heute 2x aufbauen müssen. Aber wie immer ist alles für uns exzellent vorbereitet! Unser Chef ist voller Energie und guter Laune und wir geben schon in der Probe alles. Probe auf Sparflamme? Fehlanzeige!
Draussen sind 35°C, die sich aber wegen der hohen Luftfeuchtigkeit deutlich wärmer anfühlen. Und so sind wir dann doch immer wieder überrascht, wenn wir vom klimatisierten Bus aus, Radfahrer und selbst Jogger mit Maske sehen.

Abends dann die »Muza Kawasaki Concert Hall«. Sie erscheint auf den 1. Blick gar nicht so groß, aber sie fasst durch geschickte terrassenförmige Sitzanordungen 2.000 Personen. Und kaum ein Platz blieb frei! Wie unser Chef nach der Akustik- Anspielprobe sagte, ist unser Konzert eines der ersten Konzerte eines nicht japanischen Orchesters und von großer, auch symbolischer Bedeutung: Der Wiederbeginn der »Normalität« nach den letzten schwierigen Jahren. Es spielt sich sehr gut in diesem Saal, das leiseste pianissimo ist möglich und auch richtig lautes fortissimo klingt noch rund. Ein richtig herzlicher Applaus begrüßte uns, und François-Xavier, der uns sofort mit seiner Energie mitnahm. Als das Trompeten Signal in der »Leonoren Ouvertüre« erklang, schossen mir plötzlich Erinnerungen an unseren denkwürdigen 1. »Fidelio« 1989 in Hongkong durch den Kopf, als kurz vor Beginn die Nachricht kam: "Die Mauer ist auf!". Ein bisschen fühlte es sich heute Abend für mich auch so an. Daishin Kashimoto war großartig im Saint-Säens Violinkonzert farbig, leidenschaftlich und natürlich blitzblank!! Phänomenal! Das ließ sich dann nur noch durch unsere »Rheinische« von Robert Schumann toppen, mit der wir ja auch immer ein bisschen die Kölner Philharmonie dabei haben, sind doch die Fanfaren im letzten Satz ihr allseits bekanntes Pausenzeichen. Und mit der natürlich charmant angesagten Zugabe, der Ouvertüre von »Béatrice und Bénédict« hatten wir sogar noch ein bisschen Kölner Oper im Gepäck.


Unser Chef ist ja keiner, der übermäßig im Applaus badet. Er schickt uns oft mit seinem »wir küssen und wir gehen« von der Bühne, so auch heute. Aber da hat er die Rechnung definitiv ohne das begeisterte japanische Publikum gemacht.... Er musste noch einmal alleine raus, als wir schon längst dabei waren, unsere Instrumente zu verpacken.
Es war eine große Freude, unsere Tournee mit diesem Konzert in diesem Saal zu beginnen! 

Ulrike Schäfer
Solo-Cello

Tag 1: »Es ist soweit« von Natalie Chee

Es ist soweit......
Nachdem wir unsere Saison letzte Woche in der Kölner Philharmonie mit drei fulminanten Aufführungen von Bruckners 9. Sinfonie unter der Leitung unseres GMD François-Xavier Roth abgeschlossen haben, fliegen wir nun nach Japan. Wir spielen zwei neue Programme, die wir seit einer Woche intensiv proben. Auch nach einer anstrengenden Saison ist die Arbeit daran sehr inspirierend, weil François-Xavier uns jeden Tag mit seinem Enthusiasmus und seiner Energie beschenkt. Wir spielen fantastische Werke mit tollen Solisten. Was will man mehr? 

Die Vorbereitungen auf die Tournee sind, wie das Leben generell, noch stark von Covid begleitet. Glücklicherweise haben die umfangreichen PCR-Testungen vor der Abreise das Projekt nicht gefährdet. Aber einige Kolleginnen und Kollegen hat es auf den letzten Metern leider doch noch „erwischt“ – sie werden uns auf unserer Reise sehr fehlen.  

Am Morgen der Abreise erreichte uns um 6 Uhr die Nachricht, dass die Züge zum Frankfurter Flughafen storniert wurden. Über Nacht konnten zwei Reisebusse organisiert werden, die uns zum Flughafen brachten. Es war und bleibt einfach spannend! Aber ich freue mich sehr auf die Tournee, trotz den erschwerten Umständen.

Das Gürzenich-Orchester ist seit 2018 nicht in Asien gewesen, und überhaupt sind wir das erste deutsche Orchester, das seit der Covid-Pandemie nach Japan reist. Was für eine Ehre!  Es ist meine erste große Auslandsreise mit dem Orchester, da ich erst seit September 2019 dabei bin.  Tourneen schweißen Orchester immer zusammen. Es ist eine tolle Möglichkeit, die Kolleginnen und Kollegen besser kennenzulernen. Man erlebt einfach eine besondere Zeit zusammen. Solche Erfahrungen stärken den Zusammenhalt eines Orchesters, obwohl Tourneen immer enorm anstrengend sind. Der Plan ist sehr eng getaktet und es bleibt wenig Zeit, um etwas anderes als Hotel, Flughafen oder Konzertsaal zu sehen. Jetlag kommt auch noch dazu. Die Realität ist immer ganz anders als die romantische Vorstellung von einer Tournee. Aber die Begeisterung des Publikums und die aufregenden Eindrücke des fremden Landes machen das alles wieder wett. Was für ein Privileg, dass wir – auch als Botschafter der Stadt Köln – unsere Musik in diesen fernen Ländern spielen dürfen! Wir werden unser Bestes geben!

Natalie Chee
1.   Konzertmeisterin

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