johannes brahms in köln

»Wo geht’s denn hier zum Dom?«

Während seiner Aufenthalte in den 1870er-Jahren genoss es Johannes Brahms, die Kölner Bürger damit aufzuziehen, sie auf dem Domplatz zu fragen, wo sich denn ihr berühmter Dom befinde. »Er stellte sich dann ungläubig, wenn ihm immer ärgerlicher versichert wurde, dies da wäre der Dom, und ergötzte sich an ihrer Wut, wenn er endlich im Tone mitleidiger Enttäuschung erwiderte: ›So? Wirklich? Das ist der berühmte Kölner Dom? Den habe ich mir aber viel grösser gedacht.‹« Diese subtile hanseatische Ironie gegenüber dem Stolz der Rheinmetropole hat ihren Ursprung vermutlich auch in dem holprigen Einstand, den die Stadt Brahms Jahre zuvor bereitet hatte …

Sein Köln-Debüt als Pianist und Komponist datiert auf den 12. Dezember 1865: Im Gürzenich spielte er Beethovens Klavierkonzert Nr. 5 unter dem seit 1850 amtierenden Musikdirektor Ferdinand Hiller und dirigierte selbst seine Serenade D-Dur. Im Vorfeld hatte die Presse Stimmung gegen diesen jungen »fremden Künstler« gemacht, und tatsächlich verließ am Konzertabend ein Großteil der Gäste noch vor der Serenade den Saal: »Kölnisches Wasser war es also nicht gerade, womit Brahms bei seinem ersten Debüt im ›alten heiligen Köln‹ gegenüber dem Jülichsplatze begossen wurde«, erinnert sich Brahms Biograph Max Kalbeck. Doch der 32-jahrige Komponist bewies Durchhaltevermögen, indem er nur eine Woche später im Kölner Hotel Disch einen Kammermusikabend gab, der ihn mit dem »kunstverständigen Publikum« der Stadt versöhnte.

Köln wurde hernach zu einem bedeutenden Fixpunkt der Brahms-Rezeption. So spielten die Gürzenich-Musiker 1869 zwei Tage vor der Leipziger Gesamturaufführung des »Deutschen Requiems« eine Voraufführung unter Hiller. Dieser bot seinem 22 Jahre jüngeren Duzfreund auch gleich an, am Kölner Konservatorium zu unterrichten, doch Brahms hatte sich bereits für Wien entschieden.

Der vertrauensvolle Kontakt zu Köln riss auch in der Folge nicht ab, Neuschöpfungen des Romantikers standen meist zeitnah zu ihrer Uraufführung auf den Notenpulten der Gürzenich-Musiker – unter anderem 1874 die »Variationen über ein Thema von Joseph Haydn« (UA 1874 in Wien) und das »Triumphlied« (UA 1872 in Karlsruhe), 1878 die Sinfonie Nr. 2 (UA 1877 in Wien) oder 1879 das Violinkonzert (UA 1879 in Leipzig). 1880 dirigierte Brahms selbst sein »Deutsches Requiem« in Köln, drei Jahre später die »Akademische Festouvertüre«, das Chorwerk »Nanie« und spielte eigenhändig sein Klavierkonzert Nr. 2. Ein neuerlicher Versuch Hillers, Brahms als seinen Nachfolger an den Rhein zu holen, blieb erfolglos. So wurde 1884 Franz Wüllner auf Empfehlung von Brahms neuer Städtischer Musikdirektor.

Mitte Februar 1884 dirigierte Brahms im Gürzenich den »Gesang der Parzen« sowie seine Sinfonie Nr. 3. Ein Jahr später gastierte die Meininger Hofkapelle im Kölner Gürzenich, wo sie kurz nach der Erstaufführung seine 4. Sinfonie vorstellte. 1886 stand der Hamburger einmal mehr am Pult des Gürzenich-Orchesters und dirigierte unter anderem seine Vierte.

Das Jahr 1887 markiert mit der Uraufführung des Doppelkonzerts für Violine und Cello für die Stadt Köln und ihr Orchester den immerwährenden Eintrag in die Werkbiografik von Johannes Brahms. Köln war so zum Hörplatz seiner letzten sinfonischen Äußerung geworden.

 

Alexander Reischert