Erster Gastdirigent: Nicholas Collon

Am Beginn einer langen Reise

Ab der Saison 2017 / 18 ist Nicholas Collon Erster Gastdirigent des Gürzenich-Orchesters. Wir stellen Ihnen den vielseitigen jungen Künstler vor, der mit zwei Konzertprogrammen am Pult des Orchesters zu erleben sein wird.

Schwarzer Tee mit einem kleinen Schluck Milch – britischer könnte sein bevorzugtes Getränk in der Probenpause kaum sein. Britisch auch das Programm, mit dem Nicholas Collon im März 2016 zum ersten Mal beim Gürzenich-Orchester Köln gastierte: Brittens Violinkonzert und die sechste Sinfonie von Ralph Vaughan-Williams standen auf den Notenpulten, die »Vales nobles et sentimentales« unterstrichen die musikalische und freundschaftliche Verbindung zwischen Maurice Ravel und Vaughan-Williams. Ein Programm, mit dem Nicholas Collon bei Publikum wie beim Orchester bereits bewies, dass er auch das Schwere mit Stil, Charme und Farbenreichtum leicht und eingängig zu gestalten weiß. Typisch britisch schließlich die Ausbildung: Auf den Schulbesuch im ehrwürdigen Eton folgte ein Musikstudium am Clare College in Cambridge.

Geborener Dirigent

Der Weg dorthin war vorgezeichnet, denn manchmal lässt einem die eigene Familie keine Wahl. »Ehrlich gesagt habe ich mir nie Gedanken darüber gemacht, ob ich etwas anderes werden könnte als Musiker«, gesteht Dirigent Nicholas Collon. »Ich komme aus einer sehr musikalischen Familie. Meine Mutter war meine Geigenlehrerin, meine Großmutter war meine Klavierlehrerin und auch meine Schwestern haben musiziert. Ich war umgeben von Musik und habe wohl schon sehr früh in meinem Kopf zu Dirigieren begonnen. Es gab keinen anderen Weg.« Nicholas Collon wirkt nicht, als ob er an dieser »Ausweglosigkeit« leide. Wir treffen ihn in einem Hotel in Den Haag, wo er eine Chefposition beim Residentie-Orkest inne hat. Ein Konzert mit Mahlers Vierter liegt vor ihm und die frischen Probeneindrücke fließen noch in das Gespräch ein. »Der Hornist spielt sein Solo hier mit Vibrato! In London würde man das so nie hören, in Deutschland wohl auch nicht – aber das ist der niederländische Sound und das ist der Sound, den Mahler hier oder im Concertgebouw erlebt hat. Das ist toll am Dirigentendasein, dass man von einem Orchester zum anderen geht und dabei verschiedene Klänge im Ohr hat und mitnehmen kann.« In den letzten Jahren ist Nicholas Collon bereits viel herum gekommen, hat bedeutende Orchester nicht nur in seiner englischen Heimat, sondern in ganz Europa dirigiert. Oft hat er bei seinen Gastauftritten auch seine eigene »Band« dabei, das Aurora-Orchestra.

Music first

Zahlreiche berühmte Dirigenten haben ihre Karriere mit der Gründung eines eigenen Orchesters begonnen: Von Neville Marriner, Roger Norrington, Nikolaus Harnoncourt oder Pierre Boulez bis hin zu Teodor Currentzis und François-Xavier Roth reicht die Liste der »Chefs«, die sich ihren eigenen Musik-Organismus geschaffen haben, mit dem sie ihre interpretatorischen Ziele und Klangvorstellungen auf ideale Weise realisieren können. »Als ich gemeinsam mit Robin Ticciati das Aurora-Orchestra gegründet habe, hatten wir zunächst keine großen Ziele. Wir wollten einfach Musik machen und Konzerte geben. Robin hat die Gruppe leider schon früh verlassen, aber wir haben weiter gemacht. Inzwischen gibt es Aurora seit fast 13 Jahren und rückblickend zeigt sich, dass wir mit unseren Aktivitäten längst eine Nische in der Musikszene in London besetzt haben.«
Auch über die Grenzen der am heißesten umkämpften Musikstadt hinaus hat sich Aurora mit frechen Programmen sowie mit neugierigen, grenzüberschreitenden Kollaborationen mit andern Künstlern von Animationsfilmern bis hin zu Capoeira-Tänzern in die Herzen des Publikums gespielt. »Aber die Musik kommt immer zuerst!«, betont Collon. »Wenn man heute ein neues Orchester gründet, muss man gute Gründe für seine Existenz finden – einfach zu sagen, wir bringen gute Musiker zusammen, genügt nicht mehr. Man kann unsere Arbeit weder mit den Ensembles für historische Aufführungspraxis noch mit den Neue Musik Ensembles vergleichen. Mit Aurora haben wir von Beginn an die Frage gestellt: ‚Was ist ein Konzert?’ Wir sollten es nicht als gegeben annehmen, dass ein Konzert aus drei Stücken und einer Pause besteht. Das ist eine wunderbare Formel, aber eben nur eine unter vielen möglichen und es gibt noch viele andere Wege, das Publikum mit Musik zu begeistern.«

By heart

Immer wieder verblüfft Aurora sein Publikum mit Aufführungen, in denen Dirigent und Orchester ganze Sinfonien auswendig spielen. »Solche Experimente verändern nicht den Gang der Musikgeschichte«, meint Nicholas Collon, »aber sie geben uns die Möglichkeit, uns neu und anders mit dieser Musik auseinander zu setzen, Musik völlig anders zu präsentieren und dabei auch das Publikum stärker einzubinden.« Ein starker Antrieb, um solche neuen Ideen zu gebären ist für den 34jährigen Lockenschopf auch die eigene Generation. »Wir wollen, dass auch die Menschen in unserem Alter genauso gern ins Konzert gehen wie ins Kino oder ins Theater und sich für die Musik begeistern. Denn nicht überall haben Musiker das Glück, auf ein so treues Publikum zu treffen wie in Köln beim Gürzenich-Orchester.« Die erste Begegnung mit dem Kölner Publikum vor einem Jahr hat den Dirigenten positiv beeindruckt: »Es war ein wunderbares Publikum und die Vorstellung, was für Konzerterlebnisse wir für dieses Publikum in diesem ganz besonderen Konzertsaal schaffen können, ist aufregend für mich.«

Verbindungen und Unterschiede

Das erste Programm, mit dem Collon in der Saison 2017/18 zu erleben sein wird, vereint fünf revolutionäre Meisterwerke. »Mich faszinieren besonders die Verbindungen, aber auch die Unterschiede zwischen den Stücken. Sowohl Debussys Prélude à l’après-midi d’un faune wie Wagners Tristan-Vorspiel haben die Musik in ihrer Weise revolutioniert. Bartóks zu selten gespieltes Bratschenkonzert ist ein Destillat seiner Musiksprache, die von Ligeti in ganz neue Sphären geführt wurde. Wie sich das Ende von Atmosphères und der Anfang von Ravels Daphnis und Chloé-Suite berühren, ist ganz fantastisch und die Stücke unterstreichen wechselseitig ihre Schönheit und ihre Harmonie«. Auch das Passionskonzert, das Collon dirigieren wird, stellt neue und aufregende Verbindungen her zwischen Bach, Haydn und Collons Landsmann MacMillan. »Zu Bachs Zeit waren die Passionsmusiken Teil einer Liturgie, eines Gottesdienstes. Das haben wir heute fast vergessen. Auch wenn 2000 Leute in einem Konzertsaal zusammen kommen hat das etwas von gemeinschaftlicher Andacht. Musik kann einen zu den tiefsten Gedanken inspirieren, zur Kontemplation, zur Meditation. Für viele Menschen hat diese Art der Zusammenkunft eine förmliche Religionsausübung vielleicht auch schon ersetzt. In unserem Passionskonzert möchten wir eine musikalische Form finden, die das Thema der ‚Sieben letzten Worte’ auf eine ganz direkte Weise ausdrückt.«

Hören und Sagen

Neben seinen Auftritten in der Kölner Philharmonie wird Nicholas Collon als Erster Gastdirigent des Gürzenich-Orchesters auch in der Kölner Oper wirken. »Man kann die Bedeutung des Musizierens in der Oper gar nicht hoch genug einschätzen. Die besten Orchester der Welt machen es und das hat seine Gründe: Es verlangt von den Musikern eine andere Art des Zuhörens. Sänger begleiten, Dirigenten folgen, die ihrerseits die Sänger begleiten – das ist eine ganz besondere Form der Kammermusik. Sie ist elementar für das Musikersein.« Seine Bratsche nimmt Nicholas Collon inzwischen nur noch selten zur Hand. Seine Energie fließt heute ganz in die Arbeit als Dirigent. Aber kriegt man das Dirigieren, die Gabe, mit Orchestern, Solisten und Zuhörern gleichermaßen gut zu kommunizieren, tatsächlich in die Wiege gelegt? »Ich weiß leider nicht, wie man die rechte Art zu Dirigieren lernt, zumal ich das Gefühl habe, am Beginn einer langen Reise zu stehen – viele Dirigenten die ich bewundere sind wenigstens doppelt so alt wie ich. Ich habe selbst in Orchestern gespielt, ich habe in Chören gesungen, Chöre begleitet und natürlich ungeheuer vielen Dirigenten bei der Arbeit zugesehen. Man lernt dabei sowohl im Guten wie im Schlechten. Aber wenn man lernen will, wie man Musik vermittelt, muss man sich vor allem auf die Musik konzentrieren. Wenn ein Dirigent ins Straucheln kommt, dann liegt es meist daran, dass er nicht weiß, was er zu sagen hat. Aber wenn man weiß, was man sagen will, dann klappt es auch mit der Kommunikation.« Willkommen in Köln, Nicholas Collon!

Konzerte mit Nicholas Collon in der Saison 17/18