Geschichte und Gegenwart
In der langen Geschichte des Gürzenich-Orchesters Köln bündeln sich viele Entwicklungslinien des städtischen Musiklebens. Seine Wurzeln reichen zurück bis zur städtischen Ratsmusik des 15. Jahrhunderts und der Domkapelle. 1827 übernimmt die aus betuchter und kunstengagierter Bürgerschaft bestehende Cölner Concert-Gesellschaft die Trägerschaft. Dreizehn Jahre später bestellt sie mit Conradin Kreutzer den ersten fest besoldeten Städtischen Kapellmeister, der die zahlreichen Orchester- und Chorkonzerte sowie Opernaufführungen leitete. Die Gesellschaftskonzerte finden ab 1857 in einem Handels- und Festsaal aus der Zeit der Spätgotik statt, dem sogenannten Gürzenich.
Ferdinand Hiller, Franz Wüllner und Fritz Steinbach, Hermann Abendroth, Günter Wand bis hin zu Markus Stenz – so unterschiedlich die städtischen Kapellmeister in der Nachfolge von Conradin Kreutzer ihre Schwerpunkte setzen, ist ihnen gemeinsam, dass sie alle die Balance zwischen dem klassischen Kanon und dem jeweils Neuen ihrer Zeit suchen. Robert und Clara Schumann konzertieren mit dem Gürzenich-Orchester in Köln, Hector Berlioz, Giuseppe Verdi und Richard Wagner dirigieren ihre neusten Werke. Johannes Brahms selbst leitet die Uraufführung seines Doppelkonzerts für Violine, Violoncello und Orchester. Richard Strauss’ »Till Eulenspiegels lustige Streiche« (1895) und »Don Quixote« (1898) werden hier aus der Taufe gehoben und Gustav Mahler vertraut dem Orchester die Uraufführung seiner 5. Sinfonie an. Diese Liste lässt sich fortsetzen mit Paul Hindemith und Olivier Messiaen, Hans Werner Henze und Karlheinz Stockhausen.
Konzert im Gürzenich 1924
Eröffnungskonzert der Kölner Philharmonie 1986: Das Gürzenich-Orchester Köln spielt unter der Leitung von Marek Janowski Gustav Mahlers 8. Sinfonie.
Stets haben auch die großen Solisten und Dirigenten ihrer Zeit das Orchester auf ihrem Reiseplan: Ferruccio Busoni und Wladimir Horowitz, Edwin Fischer und Claudio Arrau, die Geiger Joszef Szigeti, Adolf Busch und Jascha Heifetz bis hin zu Frank Peter Zimmermann und Anne-Sophie Mutter. 1888 geht das Orchester in städtische Trägerschaft über. Die 143 Orchestermitglieder bespielen vertraglich verpflichtet das Theater. Bis heute ist das Gürzenich-Orchester zugleich das Orchester der Oper Köln. Bis der Gürzenich zehn Jahre nach dem Ende des zweiten Weltkrieges wieder eingeweiht werden kann, dient die Aula der Universität als Hauptspielort. Günter Wand, Ehrendirigent des Gürzenich-Orchesters, ist von 1945 bis 1974 Gürzenich-Kapellmeister. Neben der Intensivierung des klassischromantischen Repertoires widmet er sich den Zeitgenossen Ernst Krenek, Wolfgang Fortner, Bernd Alois Zimmermann, Paul Hindemith, Hans Werner Henze und Olivier Messiaen. Yuri Ahronovitch erweitert von 1975 bis 1986 das Repertoire um Werke von Tschaikowsky, Mussorgsky, Schostakowitsch, Dvorˇák und Sibelius sowie die Wiener Spätromantik mit Schreker und Korngold. Marek Janowski kann 1986 die Kölner Philharmonie mit Gustav Mahlers Sinfonie Nr. 8, der »Sinfonie der Tausend«, einweihen. Das Gürzenich-Orchester hat jetzt seine neue Heimat in einem der schönsten Konzertsäle der Welt. Unter James Conlon, der dem Klangkörper ab 1989 vorsteht, findet das Orchester mit Konzertreisen und preisgekrönten CD-Einspielungen den Anschluss an das internationale Musikgeschäft.
Seit 2003 leitet Markus Stenz das Gürzenich-Orchester Köln und verbindet traditionelles Angebot und innovative Elemente im Rahmen seiner Konzerte. Schon für seine erste Spielzeit wird er vom Deutschen Musikverleger-Verband für »Das beste Konzertprogramm der Saison« ausgezeichnet – unter anderem für die Einführung des »3. Akt«, ein zuvor nicht bekannt gegebener Programmpunkt am Ende der Sinfoniekonzerte. 2005 führt das Gürzenich-Orchester auf Initiative von Markus Stenz das weltweit einzigartige Projekt »GO live!« ein: Die Konzerte des Orchesters in der Kölner Philharmonie werden live mitgeschnitten und können direkt nach dem Konzert auf CD oder dem MP3-Player mitgenommen sowie bei iTunes erworben werden. Bis heute sind über 22.000 CDs verkauft worden. Das Projekt erhielt zahlreiche Auszeichnungen: darunter den Live Entertainment Award 2006 sowie die Auszeichnung »Ausgewählter Ort 2010« im Rahmen der Initiative »Deutschland – Land der Ideen« unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten.
Neben »GO live!« produziert das Orchester auch für den regulären CD-Markt zahlreiche Aufnahmen. Mit Dmitrij Kitajenko, der 2009 zum Ehrendirigent ernannt wird und mit dem das Orchester eine intensive Zusammenarbeit im russischen Repertoire verbindet, entstehen preisgekrönte Gesamteinspielungen der Sinfonien von Dmitrij Schostakowitsch und Sergej Prokofjew. Derzeit arbeitet das Orchester an einem Tschaikowsky-Zyklus mit Dmitrij Kitajenko und an einer Gesamteinspielung aller Mahler-Sinfonien unter der Leitung von Markus Stenz. Vier Aufnahmen im Format SACD liegen bereits vor, schon die erste Veröffentlichung mit Mahlers 5. Sinfonie wurde in die Bestenliste des Deutschen Schallplattenpreises aufgenommen. Zahlreiche Einladungen führen das Gürzenich-Orchester Köln auf bedeutende internationale Konzertpodien, z. B. nach Wien, Athen, Thessaloniki, Amsterdam, zum International Festival Edinburgh, zu den BBC Proms nach London sowie nach China mit Konzerten in Peking, Shanghai, Macao, Suzhou und Guangzhou. Nicht nur im Ausland, sondern auch deutschlandweit genießt das Gürzenich- Orchester Köln einen großen Ruf und gehört zu den Spitzenensembles des Landes. Das Nachrichtenmagazin FOCUS wählte es 2008 unter die ersten Zehn der deutschen Sinfonieorchester.

