Musikland Großbritannien - utopia, limited

»Shall I at least set my lands in order?«

Die bange Frage am Ende des Langgedichtes »Das öde Land« von T. S. Eliot, ob er sein Land in Ordnung bringen solle, fängt ein Krisengefühl der Moderne in einer poetischen Reflexion seismografisch auf. Die Grundspannung in diesem Gedicht begegnet uns auch in der ambivalenten Situation der Musik Großbritanniens. Sie changierte stets zwischen kontinentalen Einflüssen und der Suche nach eigener, nationaler Identität und litt spätestens seit Purcells Tod unter dem Vorwurf eines »land without music«. Als Oscar Schmitz 1914 seine gleichnamige Schrift »Das Land ohne Musik« veröffentlichte, war seine These bereits ein commonplace. Lobte man noch im 15. Jahrhundert die sogenannte »contenance anglaise«, so wurden zur Zeit Händels die vorherrschenden Stile aus Deutschland und Italien importiert.

Im Zuge der English Musical Renaissance gegen Ende des 19. Jahrhunderts legten Komponisten wie Hubert Parry und Arthur Sullivan den Fokus wiederum auf ein typisch englisches Nationalidiom. Auch der mit Skepsis betrachtete Edward Elgar, selber in hohem Maße durch die deutsche Romantik sowie Debussy beeinflusst, hatte in seinen Birminghamer Vorlesungen für ein Zurückgehen auf »wirklich englische Inspirationsquellen« plädiert. Seine 1. Sinfonie, im Dezember 1908 unter Hans Richter uraufgeführt, markierte den Durchbruch zur englischen Sinfonik und eroberte direkt im Anschluss an ihre Uraufführung die Konzertsäle der Welt.

Dennoch blieben kontinentale Einflüsse weiterhin wirksam und wurden – siehe Eliot – durch amerikanische ergänzt: so war das enfant terrible William Walton in seinen frühen Werken durch den Jazz inspiriert. Seine 1. Sinfonie stellt einen weiteren Markstein in Englands musikalischem Kosmos dar: »frei, kraftvoll, individuell« sei das Werk, das mit seiner Uraufführung 1934/1935 große internationale Anerkennung erlangte. Seit den 30er-Jahren waren die Grenzen durchlässiger geworden und nicht zuletzt durch die Einwanderung jüdischer Emigranten gelangte »fremdes« Kulturgut – wie das der Zweiten Wiener Schule oder der Musik Strawinskys – nach Großbritannien. Vor allem die jüngeren Generationen profitierten nun von einem zunehmend heterogenen Klima.

Auch Benjamin Britten, dessen epochales Werk »Peter Grimes« den Durchbruch für eine typisch englische Oper bedeutete, schaute insgesamt eher nach Wien. In seinen Orchesterzwischenspielen zu »Peter Grimes« aber, den »Four Sea Interludes«, schuf er ein unvergleichliches, expressives Porträt des rauen, unberechenbaren Meeres der englischen Ostküste, wie er es seit seiner Kindheit vor Augen gehabt hatte. In »Lanterne of Light«, für Trompete und Orchester des 1957 geborenen Briten Guy Barker, laufen einige rote Faden zusammen: Basierend auf einem englischen Traktat des 15. Jahrhunderts über menschliche Todsünden und Dämonen, vereint das Werk eine Vielzahl an Stilistiken wie Anklange an Jazz, Tango und Filmmusik. Die Vision eines weltumspannenden und entspannteren Selbstverständnisses, zu Zeiten Parrys und Sullivans noch eine »Gesellschaft mit beschränkter Haftung«, Utopia, Limited, scheint sich angesichts solcher Werke jüngerer britischer Komponisten einzulösen.

Suzanne Josek