Günter Wand

Zum 100. Geburtstag von Günter Wand widmet das Gürzenich-Orchester ihm die Sinfoniekonzerte am 8./9. und 10. Januar 2012. Außderm erinnert das Orchester an den Gürzenich-Kapellmeister und Ehrendirigenten mit einer Ausstellung, die ab Mitte Mai im Foyer der Kölner Philharmonie zu sehen sein wird.

Schöpfen aus der Quelle der Hoffnung
Günter Wand (7. Januar 1912 – 14. Februar 2002)

„Zen-Geist ist Anfänger-Geist“ setzte einst der japanische Meister Shunryu Suzuki über seine „Unterweisungen in Zen-Meditation“. Er forderte darin, nicht nur der Meditation, sondern allem im Leben, jedem Handgriff, noch der simpelsten Tätigkeit, mit der gleichen Offenheit, Konzentration und unbedingten Hingabe zu begegnen. Begibt man sich anhand von Aufnahmen, Rezensionen, Interviews und Gesprächen mit Musikern auf die Spuren von Günter Wand, tritt einem ein Mensch entgegen, der mit einer ganz ähnlichen Haltung seinem Beruf und seiner Berufung nachging. Mögen andere Dirigenten bei einem Gastengagement zuerst nach der Höhe der Gage fragen – Günter Wand fragte nach der Anzahl der Proben, die ihm zur Verfügung standen. Manches Gastspiel kam so erst gar nicht zustande, als Günter Wand in seinen späten Jahren von den Berliner Philharmonikern über das Gewandhausorchester bis zur Leningrader Philharmonie die bedeutendsten Orchester der Welt dirigierte. Sir Simon Rattle erinnerte sich im Interview mit der Zeit, wie er sich als junger Student in Günter Wands Proben schlich: „Eine Zeitlang hat er mit dem BBC-Symphonieorchester gearbeitet, weil das das einzige Orchester in London war, das ihm die Probenzeit einräumte, die er forderte. […] Der Genuss, ihn beim Dirigieren zu erleben, bestand darin, dass er jeden Musiker dazu brachte, auf den anderen zu hören. Die Musiker haben unter ihm gelernt zu spielen, wie es die Ensembles für Alte Musik auf historischen Instrumenten praktizieren – durch das Aufeinanderhören und durch Blicke.“ Unermüdlich brach Günter Wand immer wieder ab, korrigierte jeden kleinsten Fehler und erläuterte sein Verständnis der Partitur. „Bis das, was er wollte, von den Musikern selbst kam, von Innen heraus“, beschreibt Sir Simon Rattle.

Günter Wand im Gürzenich
Günter Wand

„Die wichtigste Aufgabe eines Chefdirigenten besteht darin, sein Orchester in der Weise zu erziehen, dass jeder Musiker sich wie in einem Kammerensemble fühlen kann“, sagte Günter Wand einmal. „Jedes Quartettmitglied hört auf seine drei Mitspieler, es spielt nicht nur nach seiner eigenen Stimme, sondern richtet seinen Blick auf das ganze Werk. Es gibt für einen solchen Musiker kein Stillstehen, keine Pause von so und so viel Takten: In Gedanken befindet er sich inmitten des Werkes.“ – Eine solche Auffassung kennt keine Routine. Sie sucht stets den Neuanfang. So verwandte Günter Wand auf jede Mozart-Sinfonie, und hätten er und seine Musiker sie noch so oft gespielt, dieselbe Energie und Vorbereitung wie auf eine Uraufführung: Als habe er das Werk noch nie zuvor gelesen oder gehört. Der unermüdliche Orchestererzieher wurde er in seinen Kölner Jahren, wohin er 1939 nach ersten Berufsstationen in seiner Heimatstadt Elberfeld, im ostpreußischen Allenstein und Detmold an die Oper gekommen war und bis 1944 als 1. Kapellmeister wirkte. Das Kriegsende erlebte er am Landestheater Salzburg, dann kam er im Sommer 1945 zurück. »Köln lag in Trümmern«, erinnerte er sich. »Die Stadt hatte bis zu 600.000 Einwohner gehabt, jetzt waren es noch kaum mehr als 40.000. Diese armen Leute gingen ausgehungert in Lumpen umher. Ich war damals beauftragt worden, das Gürzenich-Orchester wieder aufzubauen. Der ›Gürzenich‹, der alte Festsaal aus dem 15. Jahrhundert, lag total in Trümmern. Und wir haben in den Ruinen gespielt. Das war für uns alle eine Notwendigkeit, kein gesellschaftliches Ereignis, sondern für diese ganze so armselige Bevölkerung die einzige Quelle der Hoffnung.«

Notwendig war es Günter Wand, selbst ein ausgebildeter Komponist, aber auch, nicht nur das anerkannte Repertoire von Bach bis Brahms aufzuführen, sondern sein Publikum und das Orchester mit dem bekannt zu machen, was im Nationalsozialismus verboten war: Paul Hindemiths Violinkonzert, die Sinfonien Igor Stravinskys, die Musik von Bélá Bartok, und dann, in den fünfziger Jahren, die neuen Komponisten wie Bernd Alois Zimmermann, Benjamin Britten, Olivier Messiaen oder Darius Milhaud. Als er ab 1974, als er nach 28 Jahren als Gürzenich-Kapellmeister verabschiedet wurde, als Gastdirigent in aller Welt mit seinen maßstabsetzenden Bruckner- und Schubert-Zyklen gefeiert wurde, konnte man leicht übersehen, dass Günter Wand ein so umfangreiches Repertoire an Neuer Musik dirigiert hatte wie keiner vor ihm.

So akribisch sich Günter Wand im Konzert und auf den Proben in den Dienst der Musik stellte, so unermüdlich setzte er sich für seine Musiker und das Konzertleben der Stadt ein. Ganze Aktenordner füllen seine Eingaben an Stadtrat und Kulturdezernenten, in denen er um vertragliche und finanzielle Verbesserungen ringt oder auf die bauliche Verbesserung des Gürzenichs drängt. Und nicht wenige Musiker wissen Anekdoten zu darüber zu erzählen, wie sich Günter Wand persönlich für ein neues Instrument oder eine Wohnung einsetzte – auch hierin seinem Credo folgend, das jedem Detail seine Aufmerksamkeit gebührt, soll die Musik – und das Leben – ein Ganzes werden.

Von Johannes Wunderlich