Serenade und Fackel

Mit einem Saisonschwerpunkt, der von der ersten Streichersinfonie des 14-jährigen Wunderkindes über sein erstes Klavierkonzert bis zu den Werken der Reifezeit des viel zu früh Verstorbenen reicht, zeichnet das Gürzenich-Orchester Köln in mehreren Konzerten und im Rahmen einer Tagung die Vielfalt des Schaffens von Felix Mendelssohn Bartholdy nach. Arnd Richter skizziert in seinem Essay einige Berührungspunkte zwischen Mendelssohn und Köln im Schatten eines Hochsommertages.

(c)Elena Xausa

»Die Gegend von Bonn nach Cöln ist nicht mehr schön.« Das muss wohl schon vor 180 Jahren so gewesen sein, lange bevor die Skylines von Godorf und Wesseling durch Ansiedlungen der Großindustrie geprägt waren. Der schlechte Eindruck wird 1837 umso stärker gewirkt haben, als das junge Paar, das den zitierten Eintrag im Tagebuch seiner Hochzeitsreise hinterlassen hat, kurz zuvor das pittoreske Mittelrheintal besucht hatte. Anfang Juli waren Felix Mendelssohn Bartholdy und seine Frau Cécile, mit der er seit dem 28. März verheiratet war, von Frankfurt aus zu einer Sommerreise an den Rhein aufgebrochen. Nach längeren Aufenthalten in Mainz und Bingen besuchte das Paar zunächst Mendelssohns Onkel Joseph, der in Horchheim bei Koblenz ein Weingut besaß.

Am 17. August schließlich fuhren Felix und Cécile von Bonn aus nach Köln, wo sie um die Mittagszeit eintrafen. »Ankunft zur table d’hôte im Kaiserlichen Hof«, vermerkt Cécile im Tagebuch, »Nach Tisch Besichtigung des wundervollen Doms, wovon der ausgebaute Chor das Herrlichste ist was man sehen kann. (…) Die Bildergallerie (der Vorläufer des Wallraf-Richartz-Museums, das Wallrafianum im Kölnischen Hof, Trankgasse 7) mit den trauernden Juden von Bendemann, und der Winterlandschaft von Lessing. Die Kirche St. Gerion vor der Stadt, eine sehr reiche, schöne Kirche mit einer Crypta, und noch andre von Außen gesehen, bei J.M. Farina gewesen und dann auf die Rheinaue gefahren.« Es war also ein regelrechtes Touristenprogramm, das die Mendelssohns an diesem offenbar sehr heißen Augusttag in Köln absolviert haben. Bevor es am folgenden Mittag Richtung Düsseldorf weiterging, erfrischte sich Felix zunächst im Deutzer Rheinbad, anschließend frühstückte man im Bellevue, einem angesagten Hotel auf der rechten Rheinseite, direkt an der Schiffsbrücke.

Die trauernden Juden im Exil(c)Rheinisches Bildarchiv_rba_d000114

Der Hochsommertag 1837 war zumindest für Felix Mendelssohn keineswegs der erste Kontakt mit der Domstadt am Rhein, und es sollte auch nicht der letzte bleiben. Bereits in seiner Zeit als Musikdirektor in Düsseldorf – diese Stelle bekleidete er von Oktober 1833 bis Juli 1835 – war der Komponist wiederholt berufsbedingt in Köln gewesen. Bereits in den ersten Wochen seiner Amtszeit suchte er in den dortigen Archiven und Bibliotheken nach Vokalmusik des 16. bis 18. Jahrhunderts, mit der er sein Düsseldorfer Publikum zu konfrontieren trachtete. Bei diesen Recherchen wurde er in Köln unterstützt von Erich Heinrich Wilhelm Verkenius, dem Präsidenten des Dommusikvereins. Der damals bereits 57-jährige Königlich Preußische Appellationsgerichtsrat war seit 1821 Mitglied des Kölner Komitees für die Niederrheinischen Musikfeste und eine hochangesehene Persönlichkeit im Musikleben der Stadt. Er freundete sich mit dem mehr als drei Jahrzehnte jüngeren Komponisten an und ist Widmungsträger der Mendelssohn-Motette »Verleih uns Frieden«. Einen »alten, sehr freundlichen, Musik- und Felixliebhaber«, nennt ihn Cécile im Hochzeitstagebuch.

Bereits im Frühjahr 1833 hatte Felix Mendelssohn in Düsseldorf das Niederrheinische Musikfest geleitet. Diese seinerzeit zentrale Institution des Musiklebens im Rheinland fand ab 1818 zu Pfingsten anfangs jährlich abwechselnd in Düsseldorf und Elberfeld statt, 1821 schließlich kam Köln hinzu, 1825 dann Aachen. Es wird sicherlich unter anderem auch dem Einfluss von Erich Heinrich Wilhelm Verkenius zu verdanken gewesen sein, dass Mendelssohn 1835 dann für die Leitung des Festes nach Köln engagiert wurde. Auch nach seinem Ausscheiden als Düsseldorfer Musikdirektor blieb er den Niederrheinischen Musikfesten verbunden und hatte einen weiteren Auftritt als künstlerischer Leiter bei deren 20. Ausgabe in Köln Anfang Juni 1838.

Ebenfalls in der Domstadt erlebte Felix Mendelssohn Bartholdy acht Jahre später, am 14. und 15. Juni 1846, einen wahren Triumph. Der Kölner Männer-Gesang-Verein, der damals unter der Leitung des Domorganisten Franz Weber stand, richtete in diesem Jahr das erste und, wie sich herausstellen sollte, einzige deutsch-flämische Sängerfest aus, eine zeittypische, patriotisch gefärbte Veranstaltung, die rund 2200 singende Männer in die Stadt lockte, 500 davon allein aus dem benachbarten Belgien. Der Reinerlös des Festes sollte die Fertigstellung des Doms finanzieren helfen, mit dessen Weiterbau man vier Jahre zuvor begonnen hatte. Um die Attraktivität des musikalischen Massenspektakels zu steigern, hatte man dem Dirigenten Franz Weber einen prominenten Kollegen an die Seite gestellt, den hochberühmten Leipziger Gewandhaus-Kapellmeister Felix Mendelssohn Bartholdy. Der wurde am ersten Festtag im Gürzenich empfangen, wie es sich für einen Star gehört: mit Fanfaren und orkanartigem Beifall.

Der Gast aus Sachsen hatte für das deutsch-flämische Sängerfest eigens ein neues Werk komponiert, das im zweiten Teil des ersten Konzerts zur Uraufführung kam, seinen »Festgesang an die Künstler«, op. 68, nach einem Text von Friedrich Schiller für Soli, vierstimmigen Männerchor und ein Blechbläserensemble mit je vier Trompeten, Hörnern und Posaunen, Ophikleide und Tuba. Das Publikum war begeistert und forderte am Ende, im schönsten Unisono mit der gesamten Sängerschaft, ein Da Capo. Dieser Erfolg wurde am nächsten Tag noch übertroffen. Am Morgen des 15. Juni konnten die Kölner in ihrer Zeitung lesen, es gebe abends ab 11 Uhr eine »große Serenade und Fackelzug für den königl. General-Musik-Director Dr. Felix Mendelssohn-Bartholdy.«, und wenn man einem gewissen M. Brühl glauben darf, der das Sängerfest für die »Illustrirte Zeitung« dokumentiert hat, dann haben die musikliebenden Bürger der Stadt »bis spät in die Nacht unter des Meisters Fenster zu carnevalistischen Melodien« getanzt.

Mendelssohn und Köln – offenbar eine schöne, fast innige Beziehung! Vieles hat sich seither verändert, und das keineswegs nur zum Positiven, wie der Anblick des Landstrichs zwischen Bonn und Köln zum Beispiel. Anderes hat sich dagegen als beständig erwiesen, hat die Zeiten mit ihren wechselnden Moden überdauert: Des Rheinländers Neigung etwa, seinem sprichwörtlichen Frohsinn bei jeder sich bietenden Gelegenheit unter freiem Himmel zu frönen. (Text von: Arnd Richter)

Mendelssohn in Köln