Pressestimmen

„Das Gürzenich-Orchester tut da wohl mehr oder weniger von sich aus das Richtige, und es ist dieser geschmeidige Klangsinn, der es Kitajenko zufolge auch und gerade bei dem neuen Projekt glücklich die Balance halten lässt zwischen einem harten Draufschlagen und jenem kitschnahen Schwulst, den die schlechte Tschaikowsky-Interpretation auffährt. Das zeigt auch die Aufnahme der emotional bewegenden, wenn auch konzeptuell problematischen "Manfred"-Sinfonie, dieser fiktiven musikalischen Biografie des Helden aus Byrons Dichtung. Sicher dürfen hier die Geigen schwelgen und trauern und hinsterben, aber der Klang wird eingebunden in eine genaue und lapidare Formkonzeption. Da vernebelt nichts, und sehr dramatisch ist die Darstellung obendrein. "Wärme" und "Eleganz" sind Eigenschaften, die Kitajenko selbst in hohem Maße eignen - als Musiker wie als personale Erscheinung. Beide verbinden sich bei ihm zu einer in dieser Form seltenen souveränen Herzlichkeit des Umgangs. Sein Credo: "Der Weg zur Musik geht ohne die Peitsche. Es kommt auf Herz und Erkenntnis an." Das Tschaikowsky-Projekt macht den Russen in diesem Sinne geradezu lodern. Nicht nur die sechs Sinfonien, sondern auch die Ouvertüren und sinfonischen Dichtungen, dazu eine vom Komponisten nur fragmentarisch hinterlassene siebte Sinfonie möchte er, wenn es nach ihm ginge, mit den Gürzenichern machen. Woher dieses Sendungsbewusstsein, das sich auch durch Hanslicks und Adornos Negativurteile über den Künstler nicht beeindrucken lässt? Weil die Musik Tschaikowskys, dieses "beliebtesten Komponisten der Welt", eben "nicht nur Musik ist, sondern das ganze menschliche Leben umfasst und gestaltet" - und das in einer luziden und perfekten klanglichen wie formalen Architektur, in der der Geist des großen Vorbilds Mozart weiterlebe.“ Markus Schwering, Kölner Stadtanzeiger, 25. Mai 2010

„Kitajenko geht es nicht um klangliche Extreme, nicht um zugespitzte Außenstimmen, sondern um einen harmonischen, warmen Gesamtklang. Selbst mit Schostakowitsch und Prokofjew gelingen ihm erstaunlich nuancierte, ausgefeilte Klangbilder. Bei Tschaikowsky und Rachmaninow ist er ohnehin in seinem Element; die "westliche" Orchesterbehandlung dieser beiden Komponisten begünstigt Interpretationen von enormer Tiefendimension und Schönheit. Kitajenko weiß vor allem Tschaikowsky ungemein plastisch und farbig zu gestalten - seine derzeit (Oehms Classics) entstehende Gesamtaufnahme aller Symphonien verspricht einer der wenigen wirklich wichtigen Tschaikowsky-Zyklen zu werden.“ Volker Tarnow, concerti, 05/2010

“Musik: ****
Klang:*****
Im Schatten der "Pathétique" von "1812" und dem 1. Klavierkonzert führt der "Manfred" im Konzertsaal-Oeuvre Tschaikowskys ein Schattendasein. Das mag am Titel liegen oder an der irrigen Gattungsbezeichnung "Sinfonie" - handelt es sich doch klar um eine sinfonische Dichtung, enger an der Handlung von Byrons Schauerroman gehalten als vergleichbare Werke anderer Komponisten. Wie dem auch sei, diese musikalische Perle wird nun von Dimitrij Kitajenko gehoben: Die naive Melodieschönheit eines Smetana, die genialischen Klangschichtungen Wagners, die harte Rhythmik Strawinskys - das Werk vereint eine unverkopft-einfache Kompositionstechnik mit einer Vielschichtigkeit bei Effekten und Stilmitteln. Mit süßlichen Streicherklängen, dramatischen Paukenschlägen und sattem Blech baut sich auch dank des wunderbar weit und dynamisch eingefangenen Raumes ein ganz großes Kino im Kopf auf. Das drohte aus Sicht der Musikwissenschaftler vielleicht ins Klischierte abzudriften, doch hier siegt das Herz über den Verstand.“ mr, Audio 07/2010

„Für ein Orchester bedeutet es eine nicht unerhebliche Befriedigung, wenn eine Präsenz auf dem Tonträgermarkt seinen Rang bestätigt. Umso mehr, wenn sich in der Nachbarschaft bereits Entsprechendes abspielt. Was das Umfeld Kölns betrifft, so zeigen sich Städte wie Aachen und Bonn rührig, das Gürzenich-Orchester war es seit den Neunzigern mit James Conlon auch wieder. Doch die drei Jahrzehnte unter Günter Wand sind nur bescheiden dokumentiert, bei den Nachfolgern Yuri Ahronovitch und Marek Janowski wurde überregionale Wirkung kaum gepflegt. Glückhaft dann also die Zeit von Conlon, wobei es sich vorteilhaft auswirkte, dass für dessen Favorit-Komponisten Alexander Zemlinsky diskografisch Einiges nachzuholen war.Gegenwärtig laufen zwei Großprojekte: Gesamtaufnahmen der Sinfonien von Peter Tschaikowskij (Dmitrij Kitajenko) und Gustav Mahler (Markus Stenz). Kitajenko wurde 2009 zum Ehrendirigenten des Gürzenich-Orchesters ernannt, eine Auszeichnung, welche nicht zuletzt seinen guten menschlichen Kontakt zu den Kölner Musikern unterstreicht. Im kommenden März wird der Maestro mit Werken von Weber und Mozart die Programmatik seiner bisherigen Livekonzerte etwas erweitern, aber russische Musik ist und bleibt "die Welt, aus der ich komme", so Kitajenko jüngst im Interview mit einer bekannten Fono-Zeitschrift. Er beginnt seinen Tschaikowskij-Zyklus (Schostakowitsch und Prokofjew gibt es bereits) mit der etwas peripheren Manfred-Sinfonie. Durch ihren Rückgriff auf Weltliteratur (Lord Byron) ist sie noch mehr "grundsätzliche Programmmusik" als die bekannteren "Sechs". (...) Die musikalische Bildersprache der etwas mehr als einstündigen Sinfonie verlebendigt Dmitrij Kitajenko mit dem Gürzenich-Orchester in üppigen Pinselstrichen, findet aber auch und besonders im blitzenden Vivace-Satz (Schilderung der Alpenfee) zu bestechender Wirkung. Seine weiträumige Klangdramaturgie behindert nicht die Verwirklichung eines brillant-präzisen Spiels. Sonor klingen die Streicher; volltönend das Blech, das Holz erfreut mit schönen Soli, effektvoll machen sich die Percussionsinstrumente. Eine in sich stimmige Interpretation, die aus dem Vollen schöpft.
Christoph Zimmermann, rheinkultur 8/9 2010