Stefan Englert Du bist jetzt fast ein Jahr als Gürzenich-Kapellmeister in Köln. Wie fühlt sich diese erste Zeit für dich an?
Andrés Orozco-Estrada Anfänge sind immer etwas Besonderes. Noch ist kein ganzes Jahr vergangen, aber die ersten Konzerte mit dem Gürzenich-Orchester wie auch die Produktionen in der Oper sind musikalisch sehr schön verlaufen. Vor allem aber war da sofort eine Verbindung zwischen dem Orchester und mir, eine musikalische und menschliche Basis. Das ist so wichtig! Neu ist für mich meine Doppelfunktion: Generalmusikdirektor der Oper und Chefdirigent des GürzenichOrchesters zugleich. Diese Verdichtung verlangt enorme Konzentration, ist aber auch unglaublich inspirierend.
SE Haben diese Monate, in denen du das Orchester jetzt besser kennengelernt hast, deine Programmauswahl beeinflusst?
AOE Es gibt Werke, die ich sowieso unbedingt machen möchte. Und je besser ich das Orchester kenne, desto genauer kann ich einschätzen: Dieses Stück wird uns auf Anhieb extrem gut gelingen. Bei einem anderen braucht es vielleicht mehr Zeit, mehr Feinarbeit. Das Entscheidende ist: Das Gürzenich-Orchester bietet eine große Bandbreite an Repertoire und musikalischen Farben. Alles ist möglich – Barock in der Oper, große Literatur von der Klassik bis hin zur Moderne. Die dafür notwendige Flexibilität bringt das Orchester einfach mit. Das ist wirklich ein großes Geschenk.
SE In Köln haben wir ein besonderes Publikum, ein anderes als zum Beispiel in Wien. Hat sich das bei dir niedergeschlagen – auch in der Art, wie du über Programme nachdenkst?
AOE Ja, ich merke, dass sich das Kölner Publikum gerne mitnehmen lässt. Ich habe zum Beispiel beim letzten Programm eine kleine Einführung gemacht – und das kam sehr gut an. Ich hatte das Gefühl, dass sich dann auch im Konzert selbst etwas verändert hat: Die Atmosphäre war lockerer, persönlicher. Auch beim Lunch-Konzert habe ich mir erlaubt, einige Worte zu sagen: ein paar kleine Anekdoten, ein bisschen Humor, ein paar Gedanken zum Stück – es ging um Wagner. Und das hatte eine schöne Wirkung.
SE Aus diesem starken Bedürfnis unseres Publikums nach Nähe heraus haben wir eine neue Idee entwickelt: eine Serie mit Gesprächskonzerten.
AOE Wir haben uns für drei Haydn-Sinfonien entschieden. Jede dieser Sinfonien bekommt ihr eigenes Gesprächskonzert zur Mittagszeit in der Kölner Philharmonie. Wir wollen unser Publikum daran teilhaben lassen, wie wir arbeiten, wie Klang entsteht und wie man eine musikalische Idee formen kann. Die Zuhörerinnen und Zuhörer dürfen sich auf eine lockere Atmosphäre, Humor und mehr Nähe freuen. Natürlich kann man fragen: Warum ausgerechnet Haydn? Aber in der Geschichte der Sinfonie als Gattung ist Haydn entscheidend! Nicht nur, weil er über hundert Sinfonien geschrieben hat, sondern weil er den Orchesterklang geprägt hat. Und er ist voller Humor. Das hört man in den Sinfonien, aber manchmal braucht man einen kleinen Hinweis, um es noch mehr genießen zu können. Und genau das ist der spannende Moment: diese Dinge gemeinsam zu entdecken. Für das Publikum – aber auch für uns.
SE Es ist dir wichtig, auf die Menschen zuzugehen. Du engagierst dich ja stark in unseren partizipativen Projekten, im Bürgerchor und ab der kommenden Saison auch im Bürgerorchester.
AOE Auf jeden Fall. Das ist wirklich etwas Besonderes. Gleich zu Beginn meiner ersten Saison, im vergangenen September, haben wir die Carmina Burana von Carl Orff mit dem Bürgerchor aufgeführt. Das war für mich ein Riesenerfolg – musikalisch, aber vor allem emotional. Ein wunderbarer Start! Diese Möglichkeit, mit Menschen zu arbeiten, die normalerweise in ganz anderen Berufen tätig sind und dann abends mit uns auf der Bühne stehen und singen – das ist etwas sehr Besonderes, das hat mich wirklich berührt. Man denkt oft, wir geben etwas weiter, wir sind die Profis – aber in Wahrheit lerne ich genauso viel bei solchen Projekten. Wenn ich vor dem Bürgerchor oder einem Jugendorchester stehe, spüre ich eine besondere Verantwortung. Ich muss sehr genau wissen, was ich tue, warum ich es tue, und es klar vermitteln. Und dann ist da diese Energie. Dieses Gefühl von »Wir machen das jetzt!« – das ist ansteckend. Es erinnert mich daran, dass jedes Konzert so klingen sollte, als würden die Werke zum ersten Mal gespielt. SE Eine ganz andere große Sache, auf die du dich sicher freust: Nach langem Warten wird die Oper wiedereröffnet.
AOE Ja, natürlich. Wir waren vor ein paar Tagen schon im Orchestergraben und durften die ersten Klänge in diesem Raum hören. Überwältigend – es war einfach pure Freude. Für mich persönlich sowieso. Aber auch für die Musiker*innen, die so lange auf die Wiedereröffnung gewartet haben. Man hat es in ihren Gesichtern gesehen – diese Begeisterung, dieses Gefühl, wieder in »ihrem« Haus zu spielen. Daraus entstand auch der Gedanke, der Oper in der kommenden Konzertsaison einen besonderen Schwerpunkt zu widmen.
SE Du dirigierst zum ersten Mal Parsifal. Und dazu kommt Bartóks Der wunderbare Mandarin, der hier in Köln vor rund 100 Jahren mit einem Skandal uraufgeführt und dann verboten wurde.
AOE Das Stück ist brutal, extrem, fast verstörend. Aber musikalisch ist es außergewöhnlich. Die Art, wie Bartók diese Geschichte in Klang verwandelt, ist einzigartig. Wir spielen den Mandarin vollständig, nicht nur – wie meistens üblich – die Suite daraus. Die Frage war: Was kombinieren wir damit? Und dann kam die Idee mit Parsifal. In beiden Werken gibt es dieses Moment der Erlösung. Dazu kommt ein starker klanglicher Kontrast: Wagner und Bartók – zwei vollkommen unterschiedliche Welten. Gerade das finde ich spannend: diese Extreme nebeneinanderzustellen.
SE Deinen Bartók-Schwerpunkt setzt du fort. Am Ende der Saison steht das Konzert für Orchester – eines seiner monumentalsten Werke.
AOE Ich liebe Bartók. Seine Musik ist technisch anspruchsvoll, rhythmisch komplex, voller Energie – und sie verlangt vom Orchester alles. Sie eröffnet Klangräume, die man sonst kaum erlebt.
SE Auch Johannes Brahms ist ein Komponist, der dich immer begleitet hat. In diesem Jahr stehen seine 1. Sinfonie und das Schicksalslied auf dem Programm.
AOE Meine Liebe zu Brahms habe ich entdeckt, als ich zum Studium nach Wien kam. Dort ist Brahms überall präsent. Neben Mozart, Haydn, Beethoven gehört er einfach dazu. Er selbst hat ja viele Jahre in Wien gelebt und die Musikszene dort stark geprägt, sinfonisch wie auch mit seinen Chorwerken. Die feine, menschliche Seite seiner Musik berührt mich sehr.
SE In unserem ersten Abokonzert haben wir den Wiener Singverein zu Gast. Du hast eine enge Verbindung zu diesem Ensemble. Was ist das Besondere daran?
AOE Der Singverein ist der Chor der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien und tritt im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins mit den großen Orchestern der Welt auf. Er hat mit Brahms musiziert, mit Dirigenten wie Herbert von Karajan oder Claudio Abbado gearbeitet – diese Tradition und Klangkultur sind außergewöhnlich. Ich habe in diesem Chor – der übrigens auch ein Laienchor ist – längere Zeit gesungen, deshalb gibt es für mich auch eine persönliche Verbindung. Aber entscheidend ist vor allem die Qualität dieses Chores. Deshalb war es mir wichtig, ihn für dieses Programm zu gewinnen – neben Brahms’ Schicksalslied stehen Bernsteins Chichester Psalms auf dem Programm. Das wird ein kontrastreiches Programm mit verschiedenen Farben. Aber in beiden Werken geht es um große Fragen: um Schicksal, um Zukunft – und darum, woran der Mensch glaubt.
SE Kontraste sind ja ein wichtiges Thema für dich in den Konzerten. Wir bringen im Mai eine Uraufführung von Matthias Pintscher, Frank Peter Zimmermann spielt Hindemith – dazu Bartóks Konzert für Orchester. Zeitgenössische Musik und Musik des 20. Jahrhunderts waren dir schon in der letzten Spielzeit wichtig. Warum mischst du das so bewusst mit den Klassikern?
AOE Weil es für mich zusammengehört. Kontraste erzeugen Spannung. Wenn wir Bartók, Hindemith und eine Uraufführung von Matthias Pintscher in einem Programm haben, dann sprechen unterschiedliche Zeiten und Klangwelten miteinander. Und genau das interessiert mich. Es ist außerdem unsere Verantwortung, nicht nur die Klassiker zu spielen, sondern auch Musik unserer Zeit. Lebende Komponisten haben etwas zu sagen – aber sie brauchen uns als Orchester, damit ihre Musik hörbar wird.
SE Du hast nicht nur ein großes Herz für die zeitgenössische Musik. Auch die Förderung junger Talente ist ist dir ein großes Bedürfnis. Wir feiern in diesem Jahr das 10-jährige Bestehen unserer Orchesterakademie mit einem Konzert in der Philharmonie. Es ist dir ein besonderes Anliegen, dieses Konzert zu dirigieren.
AOE Ja, absolut – die Akademie ist wirklich eine tolle Sache. Als ich gehört habe, dass dieses Jubiläum gefeiert wird, war für mich sofort klar: Da möchte ich unbedingt dabei sein. Wir feiern an diesem Abend nicht nur Musik, sondern vor allem die Menschen. Die momentanen Akademistinnen und Akademisten – aber auch viele Ehemalige. Wichtig ist vor allem, dass wir den jungen Musiker*innen Raum geben, sich zu zeigen. Am Ende geht es darum, gemeinsam zu feiern. Und in Köln wird ja bekanntlich gerne gefeiert.
SE Neben unserer Orchesterakademie präsentieren wir in dieser Saison auch die Andrés Orozco-Estrada und Stefan Englert zweite Ausgabe unserer Kooperation mit der Kronberg Academy, wo junge, herausragende Nachwuchssolisten und -solistinnen ihren letzten Schliff erhalten. Viele dieser Talente werden in ein paar Jahren weltweit Karriere machen, und die Kölnerinnen und Kölner können sie jetzt schon erleben.
AOE Was mir wichtig ist: Ich bin sehr dankbar, dass unser Orchester diese Kooperation mit voller Überzeugung unterstützt. Drei Solisten an einem Abend – das ist anspruchsvoll, auch organisatorisch. Aber es ist eine großartige Erfahrung. Diese jungen Musiker*innen bringen viel Reife mit. Das ist ein besonderer Moment – für sie und für uns. Nächstes Jahr haben wir wieder drei Solisten. Das wird erneut ein Fest, auch fürs Publikum!
SE Den Anfang der Spielzeit feiern wir mit George Gershwins Porgy und Bess: Was interessiert dich so an seiner Musik?
AOE Das ist Musik, die lebt und Freude macht. Sie klingt oft leicht, weil viele Melodien bekannt sind – aber leicht zu spielen ist sie nicht. Man muss den richtigen Swing finden. Und genau darauf freue ich mich: mit unserem Kölner Bürgerchor diesen amerikanischen Swing zu entdecken. Es ist ein großartiges Werk – eigentlich eine echte Oper, auch wenn es stellenweise fast wie ein Musical wirkt. Eine starke Geschichte voller großer Emotionen. Wir bringen die Highlights auf die Bühne und kombinieren sie mit Ein Amerikaner in Paris – ebenfalls ein witziges, geniales Stück, sehr amerikanisch im Klang und doch ganz eigen. Zum Beginn der Saison ist das für mich eine schöne andere Farbe – weg vom schweren deutschen Klang, hin zu Offenheit, Rhythmus und Lebensfreude. Darauf und auf die gesamte Saison mit meinem Gürzenich-Orchester und dem Kölner Publikum freue ich mich.