»MAN MUSS DIE ENERGIE SPÜREN!«

Stephan Cahen ist Tonmeister, er betreibt ein eigenes CD-Label und ist dem Gürzenich-Orchester von klein auf auf vielfältige Weise verbunden.  Ein Interview aus Anlass der ersten gemeinsamen CD-Veröffentlichung der Schumann-Sinfonien Nr. 1. und Nr. 4.

Stephan, was genau ist die Aufgabe eines Tonmeisters?

Der Tonmeister ist der künstlerisch-technische Leiter einer Aufnahme und dafür zuständig, dass das Resultat – beispielsweise auf einer CD oder als Rundfunk-Übertragung – sowohl künstlerisch wie auch technisch so gut wie möglich ist. Dazu arbeitet der Tonmeister einerseits mit Hilfe der Partitur und anhand seiner Absprachen mit den Künstlern und dem Dirigenten. Andererseits ist er das Bindeglied zur Technik: Also zum Toningenieur, der sich vor allem darum kümmert, dass die Mikrofone richtig stehen, so dass die Balance der Mischung gut ist. Die Flöten zum Beispiel sollen ja nicht zu leise oder die Pauke zu laut sein. Der Tonmeister ist also das Bindeglied zwischen Künstlern und Toningenieur, eine Art Übersetzer. Übersetzer deswegen, weil natürlich ganz oft musikalische Dinge im Vordergrund stehen, ein Musiker aber nicht als Techniker spricht. Ein Musiker sagt vielleicht: Ich möchte gerne, dass der Klang an dieser Stelle nebliger ist. Der Tonmeister hat dann die Aufgabe, einen solchen Gedanken in  technische Parameter zu übersetzen. Insofern bin ich wirklich oft ein Dolmetscher, ein Vermittler zwischen den Wünschen der Musiker und dem, was man technisch erreichen kann.

Es ist etwas Rheinisches in dieser Musik, und zwar in allen vier Sinfonien von Schumann. Genau das kann gerade dieses Orchester optimal umsetzen.

Stephan Cahen

Wie bist du zu diesem Beruf gekommen? Die Hürden für ein Tonmeister-Studium sind ja extrem hoch ...

Das ist in der Tat sehr selektiv, es bewerben sich Hunderte von Leuten, und am Ende werden dann pro Semester vielleicht fünf oder sechs genommen. Nach meinem Zivildienst habe ich die Aufnahmeprüfung für das Tonmeisterstudium in Berlin und in Detmold gemacht. In Detmold hätte ich auch tatsächlich einen Platz bekommen, auf den hätte ich aber zwei Jahre warten müssen. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich auch schon ein halbes Musikwissenschafts-Studium. Deswegen entschloss ich mich dazu, an der Musikhochschule Düsseldorf die Aufnahmeprüfung zum Ton- und Bildingenieur zu machen. Naja, und das hat dann geklappt ... Für mich war das auch sehr gut, denn gerade in diesem Studium spielte beispielsweise das Zusammenwirken mit dem Bild eine größere Rolle als damals im »klassischen« Tonmeister-Studium. Ich bin dann zwar nicht den Weg in den Bildbereich gegangen, aber es ist sehr wichtig für eine multimediale Zusammenarbeit, die Seite der Bildregie zu verstehen, ich konnte also wirklich davon profitieren.

Während des Studiums gründete ich zusammen mit einem Kommilitonen eine Firma, wir haben schon zu dieser Zeit relativ viele kommerzielle Aufnahmen gemacht, das begann 1998. Inzwischen bin ich ebenfalls wieder freiberuflich tätig, vorher hatte ich dreieinhalb Jahre lang eine Stelle als festangestellter Tonmeister im WDR-Hörfunk. Allerdings stellte ich in dieser Zeit fest, dass ich mich in der Freiberuflichkeit viel mehr verwirklichen kann. Deswegen bin ich sehr dankbar, dass ich das nun wieder so machen kann. Ich habe das Glück, mit so tollen Künstlern arbeiten zu dürfen, dass ich dadurch sehr erfüllt bin.

Gibt es bei dir familiäre »Vorbelastungen«?

Ja, in der Tat! Mein Vater war 30 Jahre lang Solocellist beim Gürzenich-Orchester. Daher kenne ich das Orchester wirklich, seitdem ich laufen kann. Schon als kleiner Steppke habe ich mich in der Oper herumgetrieben, saß bei Proben mit im Orchestergraben und bei Aufführungen in der Beleuchterloge, wenn zu Hause keiner auf mich aufpassen konnte. Meine Mutter war Bratschistin bei den Bochumer Symphonikern, ich bin also ein wirkliches Orchesterkind. Beide Orchester machten auch schon damals Aufnahmen, und genau das fand ich immer sehr spannend. Als ich dann aufs Gymnasium ging, lernte ich dort einen Freund kennen, der sich sehr für Tontechnik interessierte. Er hatte ein Tonbandgerät und ich sparte mir meine ersten »richtigen« Mikrofone zusammen. Wir spielten beide im Schulorchester und es kam die Idee auf, man könnte mit den verschiedenen Ensembles der Schule eine Schallplatte machen. Das haben wir dann wirklich in die Tat umgesetzt, und ich sagte im Rahmen unserer Aufgabenteilung, ich würde gerne die Aufnahme leiten. Meine erste Arbeit als Tonmeister also, da war ich ungefähr 16. Diese Schallplatte übrigens ist gar nicht so schlecht geworden! Wir hatten damals ja wirklich noch nicht so richtig viel Ahnung.

François-Xavier Roth hat eine seltene Gabe: Er ist zugleich Teil des Orchesters – und dessen Kopf.

Stephan Cahen

Woher habt ihr euch denn eure Expertise geholt?

Es gab damals ein Buch, das war für mich sehr wegweisend. Der Autor heißt Jürg Jecklin, ein Schweizer Tonmeister. Dieses Buch hat mich total begeistert, im Prinzip steht darin, wie man Aufnahmen macht und wie man Tonmeister wird. Seither war für mich klar: Ich möchte das auch werden! Selbstverständlich ist es für mich aus meiner heutigen Sicht klar: So, wie wir damals aufgenommen haben, war das schon verbesserungswürdig ... aber immerhin hat es geklappt! Das war dann der Anfang, und wir haben versucht, ganz viel Praxis zu bekommen. Wenn also der Schulchor ein Konzert hatte, dann haben wir Mikrofone hingestellt, eine Aufnahme gemacht und nachher Cassetten verkauft. Und uns immer wieder verbessert. Als ich dann so 17 oder 18 war, hatte sich das herumgesprochen, dann kamen auch Orchestermusiker zu mir, die ein Demo haben wollten, tja, und so gab eines das andere. Als ich dann 18 war, durfte ich bei den ersten Aufnahmen der EMI mit dem Gürzenich-Orchester unter James Conlon neben dem Tonmeister sitzen und ihm über die Schulter schauen. Das war zuerst Gerd Berg, eine absolute Legende und Vollblutmusiker. Seine Wortwahl den Künstlern gegenüber war toll. Später kam dann der Franzose Daniel Zalay, von dem ich unglaublich viel gelernt habe, vor allem, wie man unter Zeitdruck (den wir ja immer haben) ein gutes Resultat bekommt, also was wichtig ist und was weniger. Ich saß also bei etwa einem Dutzend Aufnahmen tagelang dort und durfte zuerst zuschauen, später dann auch mal mithelfen. Das war besser als jedes Praktikum und ich habe dort wahrscheinlich mehr über die Praxis von Musikproduktionen gelernt als im gesamten Studium.

Hast du damals selbst auch viel Musik gehört?

Schon immer, seit Kindertagen! Später dann nicht mehr nur Klassik. Man muss nicht nur Klassik hören, um Klassik-Tonmeister zu werden. Musik ist eine universelle Sprache, und man kann in allen Musikstilen Dinge finden, die sich später im Beruf anwenden lassen. Es ist für meinen Beruf wichtig, immer Musik zu hören, live und auf Tonträgern. Ich habe als Teenager und während des Studiums fast mein ganzes Geld in CDs gesteckt, habe mehrere Tausend CDs und Vinyl-Platten. Wenn man die Produktionen auch unter technischen Aspekten hört oder versucht, aus dem Blickwinkel des Produzenten zu verstehen, lernt man sehr viel. Das kann eine Bernstein-Aufnahme von Brahms‘ 2. Sinfonie genauso gut vermitteln wie eine Sting- oder Pink-Floyd-Platte.

Wie entstand die Zusammenarbeit mit dem Gürzenich-Orchester?

Ich hatte vor über zehn Jahren mit dem Gürzenich-Orchester schon einmal gearbeitet. Damals machte ich mit dem damaligen Gürzenich-Kapellmeister Markus Stenz eine Aufnahme der Kinderbuch-Vertonung »Das Orchester zieht sich an«. Das war meine erste »richtige« Aufnahme mit dem Gürzenich-Orchester. 2018 dann wurde ich gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, als Tonmeister zunächst die GO+ Livestreams zu betreuen. Und jetzt kommen Tonträger-Produktionen hinzu.

Unter Roth hat das Orchester einen neuen Mut zum Risiko gewonnen, der Räume und Dimensionen öffnet.

Stephan Cahen

Du bist ja nicht nur Tonmeister, sondern du hast auch ein eigenes Label.

Ich hatte schon immer die Idee eines eigenen Labels. 2009 war es dann so weit: Ich gründete myrios classics – und hatte sofort großartige Künstler mit im Boot, die ich teilweise schon länger kannte. Innerhalb von zehn Jahren entwickelte sich myrios dann zu einem Boutique-Label mit einer Handvoll Künstlern, von denen man ohne Übertreibung sagen kann, dass jeder einzelne Weltklasse ist: Tabea Zimmermann zum Beispiel, Kirill Gerstein, das Hagen Quartett, Jörg Widmann, Maximilian Hornung, um nur einige zu nennen.

Schon immer habe ich das Gürzenich-Orchesters sehr geschätzt, auch schon unter Markus Stenz. Als François-Xavier Roth dann vor fünf Jahren kam, war das aus meiner Sicht nochmals ein ganz neuer Wind. Er hat das Orchester aus meiner Sicht zu einem absoluten Weltklasse-Ensemble gemacht. Es ist jetzt auf einem Niveau, das wirklich großartig ist, nicht nur im Vergleich mit anderen städtischen Orchestern. Deswegen war ich natürlich sehr daran interessiert, einige der Aufnahmen auch auf meinem Label herauszubringen. Aus den GO+ Livestreams ergaben sich dann perspektivische Überlegungen, was darüber hinaus denkbar wäre. Sozusagen die Sternstunden dessen, wofür das Gürzenich-Orchester mit François-Xavier Roth steht. Und wir machen nicht nur CDs, sondern nehmen in neuen Formaten auf: Mit hochauflösenden Techniken, etwa der 8-fachen »CD-Qualität« und in Surround bzw. sogar 3D-Audio. So stellen wir sicher, dass die Aufnahmen sich technisch auch international mit denen anderer großer Orchester messen können. Die Schumann-Aufnahme ist also folgerichtig eine SACD (Super Audio CD), die allerdings auf jedem CD-Player abspielbar ist.

Wir haben für jede der beiden Sinfonien jeweils drei Konzerte aufgenommen. Auf der SACD ist nun jeweils ein Zusammenschnitt der drei Konzerte zu erleben, denn wir wollten unbedingt einen Live-Charakter vermitteln. Es sind nur sehr wenige Takte aus der Generalprobe oder einer Nachaufnahmesitzung enthalten. Ich glaube, genau das spürt man sehr deutlich: Das Orchester mit François-Xavier Roth, einem absolut energetischen Dirigenten, in einer Live-Situation, die sich hier auf einem nicht-visuellen Träger darstellt.

Wie würdest du aus deiner Rolle als Tonmeister heraus die Zusammenarbeit mit François-Xavier Roth beschreiben?

Für mich ist es unglaublich toll und herausfordernd, mit ihm zu arbeiten, weil er ganz genau weiß, was er möchte und wie er es aus dem Orchester »herausholt«. Was mir sehr gefällt, ist, dass er mir durchaus Freiheiten lässt, etwas auszuprobieren, auch Dinge und Ansätze mit ihm zu besprechen, dafür hat er stets ein offenes Ohr. Trotzdem ist es immer ganz klar: Seine Idee steht im Zentrum.

Ist diese Rollenverteilung zwischen einem Tonmeister und einem Dirigenten nochmals etwas Eigenes, Spezielles?

Absolut! Klar ist: Der Dirigent ist der Chef, etwa wie der Pilot eines Passagierflugzeugs. Bei einer Aufnahme ist der Tonmeister allerdings der Einzige, der durch alle Mikrofone das klangliche Endresultat hört, nicht das, was der Dirigent vorne vor dem Orchester wahrnimmt. Also etwa wie ein Fluglotse, der »von außen« draufschaut und dem eventuell kleinere Probleme schneller auffallen. Es hat überhaupt nichts damit zu tun, ob ein Dirigent gut oder schlecht ist, sondern das liegt einfach in der Natur der Sache. Gerade, wenn es Intonationsfragen oder Zusammenspiel zwischen weit entfernten Gruppen betrifft, so gehen minimale Differenzen für die Ohren desjenigen, der gerade sehr temperamentvoll ein Ensemble leitet, eventuell unter. Das ist völlig normal. Als Tonmeister höre ich das dann.

Sind solche marginalen Abweichungen angesichts eines überzeugenden Gesamtergebnisses überhaupt wichtig?

Die Entscheidung genau darüber muss ich als Tonmeister treffen, denn perfekt gespielt muss nicht immer gut musiziert sein. Ich hoffe dabei, dass ich immer im Sinne der Musik und der Musiker entscheide. Vor einer sogenannten Patch-Session liegen mir Aufnahme-Resultate aus verschiedenen vorherigen Sitzungen oder Konzerten vor. Ich sehe dann, welche Stellen wir bereits sehr gut haben – und wo noch neuralgische Punkte sind. Die werden dann, mitunter taktweise, mit dem Orchester nachgebessert. Darin liegt übrigens die große Herausforderung für einen Tonmeister: Immer die richtigen Worte zu finden, zu motivieren – und nicht zu demotivieren. Der Tonmeister hat den Überblick über das Puzzle. Dazu kommt noch, dass mein Gefühl nicht unbedingt das des Dirigenten sein muss, dass er also Passagen oder Details gut findet, die ich möglicherweise als verbesserungswürdig wahrnehme, oder umgekehrt. Genau das ist etwas, was man erst in langjähriger Zusammenarbeit mit einem Künstler herausfindet: Was genau möchte er? Ist das soeben Gespielte so, dass er es später im Gesamtbild gut finden wird?

Unterscheidet sich die Arbeitsweise von François-Xavier Roth von der anderer Dirigenten?

François-Xavier Roth hat eine seltene Gabe: Er ist zugleich Teil des Orchesters – und dessen Kopf. Manch andere Dirigenten können genau das nicht, sie empfinden sich als über dem Orchester stehend. Er dagegen ist überaus motivierend und immer höflich, aber auch stets bestimmt, denn er möchte seine Idee umsetzen. Dabei weiß er ganz genau, bis wohin er gehen kann, was zu erreichen möglich ist. Ich kenne wenig andere Dirigenten, die es schaffen, in kürzester Zeit ein Stück so gut zu erarbeiten, also sozusagen die DNA eines Stückes herauszupräparieren. Genau das kann er, und zwar unabhängig vom Repertoire: Ihm gelingt das genauso mit Rameau wie mit Werken unserer Zeit. Er versteht es, die Struktur eines Stückes herauszumeißeln und in dem engen Zeitrahmen, der uns zur Verfügung steht, das Werk optimal darzustellen, und zwar in seiner Handschrift. Diese Fähigkeit haben wirklich nur sehr wenige Dirigenten.

Inzwischen gibt es eine riesige Auswahl an Aufnahmen der Schumann-Sinfonien. Was zeichnet diese neue besonders aus, was ist ihr Alleinstellungsmerkmal?

Das Gürzenich-Orchester ist ja kein explizites Originalklang-Orchester – so wie zum Beispiel Les Siècles, das andere Ensemble von François-Xavier Roth. Es hat sicherlich einen moderneren Ansatz, Schumann zu spielen. Und genau das ist sehr reizvoll, wenngleich schwierig: Auf modernen Instrumenten diese Musik so umzusetzen, dass sie trotzdem frisch und original klingt. Das Gürzenich-Orchester schafft das zusammen mit François-Xavier Roth einfach umwerfend gut! Es hat eine Tendenz in Richtung Originalklang, ohne sich aber als Spezialisten-Orchester zu präsentieren. Das ist wichtig, weil es dadurch keine Sparte bedient, sondern ein übergreifendes Ergebnis erlebbar macht. Auch die lange Schumann-Tradition, die das Gürzenich-Orchester hat, macht sich da bemerkbar. Immerhin wurde die 4. Sinfonie in der Original-Version, die wir eingespielt haben, zum ersten Mal nach Schumanns Tod überhaupt wieder vom Gürzenich-Orchester gespielt! Man spürt einfach die Rhein-Nähe, auch wenn das vielleicht klischeehaft wirkt. Es ist etwas Rheinisches in dieser Musik, und zwar in allen vier Sinfonien. Genau das kann gerade dieses Orchester optimal umsetzen.

Amerikanische Orchester haben einen ganz besonderen »Sound«, auch die Wiener Philharmoniker oder die Berliner. Wie ist das beim Gürzenich-Orchester?

Klang-Identitäten beinhalten stets eine große Gefahr, als Hörer dann enttäuscht zu werden. Wie ärgerlich ist es, wenn die Wiener Philharmoniker mal nicht so ganz typisch klingen, wie man das eigentlich erwartet hat! Das Gürzenich-Orchester hat durchaus einen ganz eigenen Klang, der sich aber auch in der Historie, vor allem unter den letzten Dirigenten, sehr stark verändert hat. Der Charakter hat sich von James Conlon zu François-Xavier Roth und durch Markus Stenz gewandelt. Unter Roth hat das Orchester dann einen neuen Mut zum Risiko gewonnen, der nochmals Räume und Dimensionen öffnet. Nikolaus Harnoncourt hat mal in etwa gesagt: »Das schönste Resultat erreicht man auf der Schwelle zwischen Sicherheit und Chaos.« Und genau das ist es doch: Für das beste Ergebnis muss man die Fesseln der Sicherheit hinter sich lassen und mit Mut Schwellen überwinden! Manchmal ist das riskant. Aber es ist niemals langweilig. Man soll die Energie spüren!

Das Gespräch führte Volker Sellmann

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