»Die Geschichte macht aus Neugier etwas Gefährliches«

Gemeinsam mit der Kriminalpsychologin Lydia Benecke spricht Ulrich Wilker über die psychologischen Ebenen von Herzog Blaubarts Burg von Béla Bartók: Gewalt, Manipulation und verdrängte Warnsignale.

Für das Konzert »Nacht« des Gürzenich-Orchester Köln am 14. und 15. Juni bringt Dirigentin Susanna Mälkki mit Herzog Blaubarts Burg eines der düstersten und faszinierendsten Werke des Musiktheaters in die Kölner Philharmonie. Die Oper erzählt von Judith, die gemeinsam mit Herzog Blaubart dessen geheimnisvolle Burg betritt und dort nach und nach sieben verschlossene Türen öffnet. Hinter jeder Tür offenbart sich ein weiterer Teil seiner Persönlichkeit – und eine immer bedrohlichere Dynamik ihrer Beziehung.

Gemeinsam mit der Kriminalpsychologin Lydia Benecke spricht Ulrich Wilker über die psychologischen Ebenen des Werks, über Gewaltbeziehungen, Manipulation und die Frage, warum Menschen Warnsignale oft nicht erkennen – oder nicht erkennen wollen.

»Die Geschichte macht aus Neugier etwas Gefährliches«

Ulrich Wilker: Liebe Lydia Benecke, herzlich willkommen! Schön, dass du heute bei uns zu Gast bist. Du bist Kriminalpsychologin – womit beschäftigst du dich in deinem beruflichen Alltag?

Lydia Benecke: Ich arbeite mit Menschen, die Gewalt- oder Sexualstraftaten begangen haben – sowohl in einer spezialisierten Justizvollzugsanstalt als auch in einer Ambulanz. Dort unterstütze ich sie dabei, die Ursachen für ihre Taten und die damit verbundene Verantwortung zu verstehen. Ziel ist es, ihnen zu helfen, künftig bessere Entscheidungen zu treffen.

UW: In Herzog Blaubarts Burg entscheidet sich Judith trotz aller Warnungen bewusst dafür, mit Blaubart in seine Burg zu gehen. Warum üben das Geheimnisvolle oder Verbotene oft eine solche Faszination auf Menschen aus?

LB: Das hängt zunächst davon ab, was überhaupt als „verboten“ gilt. Neugier ist psychologisch gesehen eigentlich etwas sehr Positives: Sie ermöglicht Menschen, neue Erfahrungen zu machen, zu lernen und sich weiterzuentwickeln. Ohne Neugier gäbe es weder Forschung noch Fortschritt.

Spannend ist deshalb, dass Neugier in der Geschichte von Blaubart negativ dargestellt wird – insbesondere als vermeintlich problematische Eigenschaft von Frauen. Ähnliche Motive findet man bereits in der biblischen Geschichte von Adam und Eva, in der weibliche Neugier letztlich als Ursache des Unheils erscheint.

Auch bei Blaubart lautet die Botschaft unterschwellig: Würde die Frau nicht nachfragen, nichts hinterfragen und sich einfach unterordnen, gäbe es keinen Konflikt. Genau darin liegt aber eine sehr frauenfeindliche Vorstellung. Denn die Geschichte macht aus Neugier und dem Wunsch nach Erkenntnis etwas Gefährliches – obwohl beides eigentlich zutiefst menschliche Eigenschaften sind.

»Judith glaubt, sie könne ihn verändern«

UW: Anders als im ursprünglichen Märchen steht Herzog Blaubart nicht einer namenlosen Frau gegenüber, sondern Judith – ein Name, der auf die alttestamentarische Judith verweist. Gleich zu Beginn fragt Blaubart sie, ob sie trotz aller Gerüchte wirklich mit ihm kommen möchte. Welche Beziehungsdynamik zeigt sich darin bereits?

LB: Der Bezug zur biblischen Judith ist interessant, weil diese Figur aus dem Alten Testament aus selbstlosen Motiven handelt: Sie bringt sich in Gefahr, um andere vor einem Tyrannen zu schützen. Damit steht sie im starken Gegensatz zu Blaubart, der aus rein egoistischen Motiven handelt.

In der Oper wird Judith ausdrücklich davor gewarnt, mit Blaubart zu gehen. Trotzdem entscheidet sie sich bewusst für ihn – obwohl er von Anfang an für Dunkelheit, Gefahr und das Unbekannte steht. Judith hingegen wird als lebenszugewandter Mensch beschrieben, der Licht und Freiheit liebt. Gerade dieser Gegensatz macht die Dynamik zwischen den beiden so spannend.

Darin lassen sich auch Parallelen zu heutigen sogenannten Dark Romance-Erzählungen erkennen. Dort verliebt sich häufig eine Frau in einen Mann, der ganz offensichtlich gefährlich, dominant oder übergriffig ist. Die Warnzeichen sind sichtbar – und dennoch bleibt die Hoffnung, ihn durch Liebe verändern oder „heilen“ zu können. Ähnlich scheint auch Judith zu glauben, sie könne Licht in Blaubarts Dunkelheit bringen.

Warum Menschen Warnsignale ignorieren

UW: Warum ignorieren Menschen Warnsignale in Beziehungen?

LB: Nicht alle Menschen reagieren gleich auf Warnsignale. In Herzog Blaubarts Burg würde man zunächst denken: Viele Menschen würden bei einer Figur wie Blaubart sofort Abstand nehmen. Aber es gibt unterschiedliche Gründe, warum das nicht immer passiert.

Manche Menschen sind vielleicht noch unerfahren und hoffen, dass die intensiven Gefühle vom Beginn einer Beziehung zurückkehren können – wenn sie nur genug Liebe, Verständnis oder Geduld investieren. Genau dieses Narrativ findet sich auch in der Oper: die Hoffnung, einen offensichtlich problematischen Menschen positiv verändern zu können.

Hinzu kommt, dass dysfunktionale Beziehungen oft mit sogenanntem Lovebombing beginnen. Die betroffene Person erlebt dabei sehr intensive Zuwendung und emotionale Nähe, wodurch eine starke Bindung entsteht. Wenn später Kontrolle oder Gewalt auftreten, klammern sich viele an die Erinnerung an diese schönen Momente.

Psychologisch spielt dabei auch der sogenannte Confirmation Bias eine Rolle. Menschen neigen dazu, Informationen so wahrzunehmen und zu interpretieren, dass sie ihre bestehende Hoffnung bestätigen. In einer dysfunktionalen Beziehung bedeutet das: Die kurzen positiven Phasen werden überbewertet, während Warnzeichen verdrängt oder relativiert werden.

Die sieben Türen als Psychogramm einer Gewaltbeziehung

UW: Kann man die verschiedenen Kammern in Blaubarts Burg auch psychologisch lesen?

LB: Wenn man die einzelnen Kammern als Stationen einer dysfunktionalen Beziehung versteht, entsteht ein sehr schlüssiges psychologisches Bild.

Am Anfang versucht Judith noch, Blaubart zu verstehen. Sie glaubt, ihn positiv beeinflussen zu können – obwohl er von Beginn an deutlich macht, dass etwas Dunkles und Gefährliches in ihm liegt. Als erste öffnet sich die Folterkammer: ein Symbol dafür, dass dieser Mensch anderen bewusst Schmerz zufügen kann. Judith erschrickt zwar, läuft aber nicht weg. Gerade das bestärkt ihre Hoffnung, ihn vielleicht dennoch „retten“ zu können.

Die Waffenkammer könnte man als Sinnbild seiner Abwehrmechanismen lesen – seiner Unfähigkeit, echte Nähe zuzulassen. Trotzdem empfindet Judith es als Vertrauensbeweis, dass er ihr diese Seiten von sich zeigt.

Danach folgen mit der Schatzkammer, dem Garten und dem Reich plötzlich Bilder von Schönheit, Wärme und Hoffnung. Mich erinnert das an das sogenannte Lovebombing: eine Phase intensiver Zuwendung, in der die Beziehung überwältigend positiv erscheint und die Hoffnung wächst, gemeinsam etwas Schönes aufbauen zu können.

Doch dann kippt die Stimmung komplett und mit dem Reich und dem See der Tränen zeigt die Oper, wie aus Hoffnung langsam Kontrolle, emotionale Abhängigkeit und Leid werden. Genau das ist typisch für dysfunktionale Beziehungen: Die verletzende Dynamik nimmt zu, gleichzeitig klammert sich die betroffene Person an die Erinnerung an die schönen Momente und hofft, diese könnten zurückkehren.

Am Ende steht Judith vollständig unter Blaubarts Kontrolle. Er überschüttet sie scheinbar mit Bewunderung und kostbaren Dingen, doch tatsächlich hat sie ihre Freiheit und ihre eigene Identität verloren.

In Gewaltbeziehungen sind die schönen Momente nie unbelastet.

UW: Interessant ist ja auch: Selbst die scheinbar positiven Räume sind nie wirklich unbeschwert. In der Schatzkammer klebt Blut an den Schätzen, die Erde des Gartens ist blutig und über dem Reich liegen blutige Schatten.

LB: Genau das findet man auch in realen Gewaltbeziehungen. Die positiven Phasen existieren fast nie losgelöst von der Gewalt.

Ein Täter hat mir beispielsweise beschrieben, dass er seiner Partnerin nach Gewaltausbrüchen bewusst Blumen und teure Geschenke machte, sich entschuldigte und ihr sagte, sie sei die Liebe seines Lebens. Ohne die vorausgegangene Gewalt könnte so eine Szene fast romantisch wirken. Tatsächlich dient sie aber oft dazu, die Bindung aufrechtzuerhalten und die Partnerin in der Beziehung zu halten.

Deshalb sind auch die schönen Momente in solchen Beziehungen nie wirklich unbelastet. Sie bleiben immer mit Angst, Kontrolle und Gewalt verbunden – genau wie in der Oper selbst die schönsten Bilder bereits von Dunkelheit durchzogen sind.

Der Verlust von Freiheit

UW: Judith ist in der Oper zunächst die treibende Kraft: Sie fordert die Schlüssel ein und drängt immer weiter vor. Am Ende kehrt sich dieses Verhältnis aber komplett um. Wie würdest du diese Machtdynamik beschreiben?

LB: Interessant ist, dass die Oper gerade nicht dem typischen Muster vieler moderner Dark Romance-Geschichten folgt. Dort gelingt es der weiblichen Figur am Ende oft, den gefährlichen Mann durch ihre Liebe zu verändern und zu „retten“.

In Herzog Blaubarts Burg erscheint die Entwicklung dagegen deutlich realistischer. Judith erkennt die Warnzeichen von Anfang an und glaubt dennoch, sie könne Blaubart positiv beeinflussen. Je mehr sie jedoch über ihn erfährt, desto klarer wird ihr, wer er wirklich ist. Gleichzeitig verliert sie zunehmend ihre Freiheit.

Eigentlich verpasst sie den Moment, in dem sie noch hätte gehen können. Doch irgendwann kippt die Situation vollständig: Blaubart übernimmt die Kontrolle und macht sie – wie die Frauen vor ihr – zu einer unfreien Figur in seiner Welt.

Besitz statt Liebe

UW: Hinter der letzten Tür erscheinen die früheren Frauen Blaubarts wie Königinnen gekleidet. Gleichzeitig kniet Blaubart vor ihnen nieder. Wie passt das dazu, dass er zuvor als kontrollierende Figur erscheint?

LB: Dieses Bild wirkt zunächst widersprüchlich: Blaubart scheint die Frauen zu verehren. Gleichzeitig haben sie aber ihre Freiheit und letztlich sich selbst verloren.

Mich erinnert das an reale Fälle, in denen Täter betonen, wie sehr sie ihre Partnerin geliebt hätten – während ihr tatsächliches Verhalten von Kontrolle und Gewalt geprägt war. Dahinter steht oft weniger die Liebe zu einem realen Menschen als vielmehr die Liebe zu einer eigenen Vorstellung von Perfektion und Besitz.

Genau das sehe ich auch bei Blaubart. Er idealisiert diese Frauen und erhebt sie scheinbar zu Königinnen. Aber sie dürfen keine eigenständigen Menschen mehr sein. Sie werden zu Projektionsflächen seiner Wünsche und Fantasien.

Ist Blaubart selbst ein Gefangener?

UW: Ist Blaubart vielleicht selbst auch ein Gefangener? Seine Burg wirkt ja wie ein Bild seiner eigenen Psyche.

LB: Interessant ist, dass Blaubart am Ende eigentlich keinen Leidensdruck zeigt. Aus seiner Perspektive erreicht er genau das, was er will: maximale Kontrolle über eine weitere Frau.

Ich habe deshalb nicht den Eindruck, dass er sich als Gefangener erlebt. Vielmehr folgt er immer wieder demselben Muster – und die Oper deutet an, dass dieser Kreislauf weitergehen wird.

Auch aus meiner Arbeit kenne ich Männer, die Gewalt gegen ihre Partnerinnen ausgeübt haben und ihr Verhalten zunächst rechtfertigen oder verdrängen. Gleichzeitig zeigen sich oft Muster von Manipulation und Kontrolle, die dem Bedürfnis dienen, emotionale Sicherheit über Macht auszuüben.

Auch Blaubart inszeniert sich stellenweise fast als tragische Figur – und bringt Judith schon früh dazu, ihn retten zu wollen. Aber genau darin liegt bereits Manipulation.

Ist Blaubart selbst ein Gefangener?

UW: Ist Blaubart vielleicht selbst auch ein Gefangener? Seine Burg wirkt ja wie ein Bild seiner eigenen Psyche.

LB: Interessant ist, dass Blaubart am Ende eigentlich keinen Leidensdruck zeigt. Aus seiner Perspektive erreicht er genau das, was er will: maximale Kontrolle über eine weitere Frau.

Ich habe deshalb nicht den Eindruck, dass er sich als Gefangener erlebt. Vielmehr folgt er immer wieder demselben Muster – und die Oper deutet an, dass dieser Kreislauf weitergehen wird.

Auch aus meiner Arbeit kenne ich Männer, die Gewalt gegen ihre Partnerinnen ausgeübt haben und ihr Verhalten zunächst rechtfertigen oder verdrängen. Gleichzeitig zeigen sich oft Muster von Manipulation und Kontrolle, die dem Bedürfnis dienen, emotionale Sicherheit über Macht auszuüben.

Auch Blaubart inszeniert sich stellenweise fast als tragische Figur – und bringt Judith schon früh dazu, ihn retten zu wollen. Aber genau darin liegt bereits Manipulation.

»Dieses Werk macht Beziehungen emotional erfahrbar.«

Lydia Benecke

UW: Warum sollte man sich dieses Werk heute anschauen?

LB: Ich glaube, das Besondere an diesem Werk ist, dass es Beziehungsdynamiken nicht nur erzählt, sondern emotional erfahrbar macht. Die Musik begleitet die Hoffnung Judiths, einen offensichtlich egoistischen und gewaltbereiten Menschen durch Liebe verändern zu können – und zeigt zugleich Schritt für Schritt, wie diese Hoffnung zerbricht.

Wer nachvollziehen möchte, wie sich eine solche dysfunktionale Beziehung emotional anfühlen kann, für den ist Herzog Blaubarts Burg ein sehr eindringliches Werk.

»Mich hat immer interessiert, warum Menschen anderen Menschen Gewalt antun.«

Lydia Benecke

UW: Du beschäftigst dich beruflich mit sehr düsteren Themen wie Gewalt und Femiziden. Warum fasziniert dich das so sehr?

LB: Mich hat schon früh die Frage beschäftigt, warum Menschen anderen Menschen schreckliche Dinge antun. Als ich 1987 mit meiner Familie aus Polen nach Deutschland kam, bin ich in einer Hochhaussiedlung im Ruhrgebiet aufgewachsen. Gewalt, Diebstahl oder Drogen waren dort keine abstrakten Themen aus dem Fernsehen, sondern Teil der Realität.

Gleichzeitig habe ich mich schon als Jugendliche gefragt: Wenn doch alle entsetzt über Verbrechen sind – warum gibt es sie dann trotzdem? Irgendwann begann ich zu erkennen, dass sich bestimmte Muster immer wiederholen, unabhängig von Zeit oder Ort.

Mich hat deshalb interessiert, welche psychologischen Mechanismen hinter solchen Taten stehen – und vor allem, was man tun kann, damit es weniger Gewalt und weniger Opfer gibt. Genau deshalb arbeite ich heute in der Rückfallprävention.

UW: Liebe Lydia, vielen Dank für das interessante Gespräch.

Lydia Benecke ist Kriminalpsychologin, Autorin und Wissenschaftskommunikatorin. Sie beschäftigt sich vor allem mit Gewalt- und Täterpsychologie und ist durch zahlreiche Bücher, Vorträge sowie Medienauftritte bekannt geworden. Mehr Informationen zu ihrer Arbeit finden Sie auf der Website von Lydia Benecke

Konzerte

14.06.
2026
So., 11:00 Kölner Philharmonie Konzerte
Sinfoniekonzert
Nacht
Werke von Paul Dukas, Claude Debussy und Béla Bartók
Pre-Concert-Talk mit Lydia Benecke
ab 12,00 €
Tickets
15.06.
2026
Mo., 20:00 Kölner Philharmonie Konzerte
Sinfoniekonzert
Nacht
Werke von Paul Dukas, Claude Debussy und Béla Bartók
Pre-Concert-Talk mit Lydia Benecke
ab 12,00 €
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16.06.
2026
Di., 20:00 Kölner Philharmonie
Sinfoniekonzert für junge Erwachsene
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Mit Werken von Paul Dukas, Claude Debussy und Béla Bartók.
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