Simone Menezes im Gespräch
Über Heitor Villa-Lobos, visuelle Musik und die Verantwortung der Kunst
Am 4. November dirigiert die brasilianische Dirigentin Simone Menezes ihr Herzensprojekt Amazônia in der Kölner Philharmonie. In enger Zusammenarbeit mit dem kürzlich verstorbenen Fotografen Sebastião Salgado entstand ein Konzertformat, das die Musik von Heitor Villa-Lobos mit eindrucksvollen Bildern des Amazonasgebiets verbindet. Ein immersives Erlebnis zwischen Natur, Kultur und künstlerischer Vision.
Friso van Daalen: Simone Menezes, können Sie sich noch an Ihre erste Begegnung mit der Musik von Heitor Villa-Lobos erinnern?
Simone Menezes: Ich habe seine Musik schon als Kind kennengelernt. Sie war für mich ein Zugang zur klassischen Musik, aber auch zu mir selbst. Als Südamerikanerin habe ich sofort diese Verbindung gespürt – zur Natur, zum Rhythmus, zur körperlichen Energie, die in seiner Musik mitschwingt. Er hat etwas in mir angesprochen, das ich vorher noch nicht benennen konnte.
FvD: Villa-Lobos hat einmal gesagt, seine Werke seien wie Briefe an die Nachwelt. Was steckt für Sie in diesen Briefen?
SM: Diese Aussage finde ich sehr stark. Villa-Lobos war jemand, der die Welt sehr bewusst wahrgenommen hat. In einer Zeit, in der klassische Musik sich vor allem um individuelle Emotionen und Dramen drehte, hat er erkannt, dass auch die Natur eine Stimme hat – und dass sie singt. Seine Musik ist ein Ausdruck davon, eine Art Dokumentation dessen, was Natur bedeutet und wie sie klingt. Er komponiert also nicht über die Natur, sondern aus ihr heraus. Das unterscheidet ihn von vielen anderen Komponisten. Bei Debussys La mer zum Beispiel hören wir, wie der Komponist das Meer wahrnimmt. Bei Villa-Lobos erfahren wir, wie das Meer selbst klingen könnte. Das ist ein gewaltiger Unterschied!
FvD: Im Projekt »Amazônia« trifft Musik von Heitor Villa-Lobos auf die Fotografien von Sebastião Salgado. Was passiert, wenn Klang und Bild sich begegnen?
SM: Es entsteht eine starke Synergie. Villa-Lobos’ Musik ist bereits sehr visuell, geradezu filmisch. Salgados Fotografien sind ebenso erzählerisch. Wenn beides zusammenkommt, entsteht ein immersives Erlebnis – eine Art Reise in das Gebiet um den Amazonas, gleichzeitig emotional und künstlerisch höchst anspruchsvoll. Salgado hat Amazonien über sieben Jahre hinweg fotografiert – er hatte also ein riesiges Archiv. Für das Projekt hat er sich die Musik sicherlich über 100-mal angehört. Dann hat er jeden Satz mit einem visuellen Kapitel verknüpft: Die Ouvertüre verbindet er mit Luftaufnahmen, andere Sätze mit Aufnahmen aus dem Inneren des Waldes oder mit Bildern von Frauen und Männern, je nach musikalischer Thematik. So entstand eine sehr bewusste visuelle Dramaturgie.
FvD: Ist »Amazônia« für Sie auch ein politisches Projekt?
SM: Nicht im engeren Sinn. Es ist ein künstlerisches Statement. Aber Kunst hat natürlich Wirkung – vielleicht sogar mehr als politische Botschaften. Für mich geht es darum, unsere Verantwortung zu zeigen: Wir sind die Gärtner dieses Planeten. Und wenn Schönheit diese Verantwortung in uns weckt, dann hat Kunst ihr Ziel erreicht.
Darüber hinaus hat das Projekt für mich eine persönliche Bedeutung. Ich glaube, dass sowohl der Amazonas als auch die Musik von Villa-Lobos kulturelle Schätze sind, die noch viel zu wenig gesehen und gehört werden. Dieses Projekt bringt beides zusammen – und ich sehe es als meine Aufgabe, das so vielen Menschen wie möglich näherzubringen.
FvD: Sebastião Salgado ist im Mai diesen Jahres verstorben. Sie kannten sich gut. Was machte ihn als Künstler so einzigartig?
SM: Er ist für mich eine der bedeutendsten Künstlerpersönlichkeiten unserer Zeit. Er hat Kriege, Elend und Naturwunder gesehen – aber immer mit einem zutiefst humanistischen Blick. Selbst seine härtesten Bilder zeigen Würde. Diese Verbindung aus formaler Kraft und tiefem Mitgefühl ist einzigartig.
FvD: Sie haben »Amazônia« bereits an vielen Orten weltweit aufgeführt. Wie reagieren die Menschen auf das Projekt?
SM: Viele kommen tief bewegt aus dem Konzert. Eine häufige Rückmeldung ist: »Ich habe mich plötzlich sehr klein gefühlt.« Der Amazonas ist riesig, kraftvoll – er relativiert vieles. Man spürt aber nicht nur die Zerbrechlichkeit der Natur, sondern auch die eigene. Diese doppelte Perspektive macht das Projekt so stark.
FvD: Gibt es einen Moment im Projekt, der Ihnen besonders ans Herz geht?
SM: Ja – der Beginn des Satzes The Bird in the Forest. Salgado konnte wegen der dichten Vegetation kaum Vögel fotografieren. Also entschied er, in diesem Moment Frauen zu zeigen. Eine Szene zeigt eine schwangere Frau – voller Ruhe und Stärke. Es ist der erste Moment, in dem Menschen in der Projektion auftauchen. Und jedes Mal rührt mich das zutiefst.
FvD: Simone Menezes, vielen Dank für dieses Gespräch!
SM: Ich danke Ihnen. Es war mir eine Freude.
Das Konzert »Amazônia« findet am 04.11.2025 in der Kölner Philharmonie statt.
Vom 29.10.2025 bis 15.03.2026 zeigt das Rautenstrauch-Joest-Museum die Ausstellung »AMAZÔNIA – PHOTOGRAPHS BY SEBASTIÃO SALGADO«.