Planetenbahnen und Gedankenkarussell

Das Violinkonzert »Concentric Paths« von Thomas Adès 

Ein Stein fällt ins Wasser, kreisförmig breiten sich die Wellen aus. Ein Wirbelsturm rotiert spiralförmig um sein Zentrum und erreicht dabei irrwitzige Windgeschwindigkeiten. Wenn ein Baum gefällt wird, erzählen konzentrische Wachstumsringe von seinem Leben. Im Weltall drehen sich Spiralgalaxien um ein schwarzes Loch. Die Planeten umrunden die Sonne auf elliptischen Bahnen – der Merkur braucht 88 Tage, der Neptun 165 Jahre. Und schon seit Jahrhunderten umkreisen Mönche bei ihrer Gehmeditation im Kreuzgang nicht nur den klösterlichen Innenhof, sondern auch das Geheimnis Gottes.

Ob im Kosmos oder auf der Erde: Die Welt ist voll von konzentrischen Wegen und Bewegungen. »Concentric Paths« heißt denn auch das Violinkonzert von Thomas Adès. Seit seiner Uraufführung 2005 in Berlin macht es die Runde unter den bedeutenden Geigerinnen und Geigern der Gegenwart, dreht sich durch die großen Konzertsäle der Welt, gehört zu den meistgespielten zeitgenössischen Orchesterwerken überhaupt. Nicht nur, weil es effektvoll virtuos ist und der Violine Gelegenheit bietet zu brillieren. Sondern auch, weil Adès’ Musik emotional packt und selbst dort vom Leben erzählt, wo sie scheinbar abstrakt rein musikalischen Prinzipien folgt.

»Würde ich nicht komponieren, wäre ich unerträglich, unbeherrschbar, ein stammelndes Wrack«, bekannte Adès einmal im Interview. »Ich kann in dieser Welt nicht leben, wenn ich keine Musik erschaffe.« Komponieren ist für den 1971 geborenen Londoner von existentieller Wichtigkeit, seit er als Jugendlicher unter Mobbing litt und wegen seiner Homosexualität gehänselt wurde. Nachdem er einmal sogar tätlich angegriffen worden war, legte er zu Hause Sibelius’ Siebte auf – und begriff, »dass Musik die schrecklichen Gefühle und die Angst aus mir herauszuziehen vermochte.« Seit diesem Schlüsselerlebnis ist Musik für Thomas Adès Trost und Kraftquelle – ein utopischer Fluchtpunkt, das Versprechen einer besseren Welt.

»Die Musik in meinem Kopf ist eine Art unterirdischer Fluss, der die ganze Zeit fließt, und er sucht sich einen Kanal.«

Thomas Adès

Vielleicht ist genau das das Geheimnis des Erfolgs von Thomas Adès – neben seiner unbestreitbaren handwerklichen Brillanz und seiner Virtuosität im Umgang mit dem Orchester. Schon mit 33 wurde er auf den Benjamin-Britten-Lehrstuhl für Komposition an der Royal Academy of Music berufen, 1999 erhielt er den Ernst von Siemens-Förderpreis, 2000 den renommierten Grawemeyer Award. Seine Opern wurden an Covent Garden und bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt, Pultstars wie Simon Rattle oder Gustavo Dudamel lieben seine Musik. Was Thomas Adès anfasst, wird auf fast unheimliche Weise zu Gold – nicht zuletzt sein Violinkonzert »Concentric Paths«.

Dabei klingt Adès Werkkommentar erstmal ziemlich abstrakt. »Wie die meisten Werke der Gattung«, schreibt Adès, »besteht das Konzert aus drei Sätzen. Doch diese bilden hier tatsächlich eher ein Triptychon.« Das heißt: Wie bei einem Altarbild umrahmen zwei schnelle Flügelsätze einen großen langsamen Satz im Zentrum. Dieser langsame Satz besteht kompositorisch »aus zwei großen und sehr vielen kleinen, voneinander unabhängigen Zyklen, die bei ihrem Streben nach einer Lösung einander überlappen und mitunter auch heftig zusammenprallen. Die Ecksätze sind ebenfalls kreisförmig angelegt: Der erste schnelle setzt harmonisch instabile Schichten auf verschiedene Umlaufbahnen, der dritte ist verspielt und gemächlich, wobei die stabilen Kreise harmonisch auf verschiedenen Wegen verlaufen.«

Eine recht technische Beschreibung – aber was für einen Assoziationsreichtum setzt diese Musik beim Hören frei! Der wahnwitzig virtuose Kopfsatz katapultiert die Violine sehr rasch in höchste Höhen, in den Orbit, wo sie wie ein Satellit über dem Orchester kreist, schwebt und schwirrt. Dieses ununterbrochene, atemlose Perpetuum mobile stellt gleich von Anfang an höchste Anforderungen an die Solistin. Der Beginn des 2. Satzes erinnert dagegen an die berühmte Chaconne für Violine solo von Johann Sebastian Bach. Statt ins All führen die Pfade nun eher ins Innere: Nachdenklich scheint die Violine hier um die großen Fragen des Daseins zu kreisen, bisweilen auch zu verstummen angesichts der Rätsel der Existenz. Das Orchester bricht zunächst mit markerschütternden, unerbittlichen Schlägen herein und bildet dann ein Gegenüber, aus dessen starren Taktgrenzen sich der Gesang der Solovioline immer wieder löst. Auf diesen tiefsinnigen und bewegenden Satz folgt als Kontrast ein spielerisches Rondo, dessen Thema wie ein defekter Fahrradreifen eiert und sich trotzdem wie ein Ohrwurm in den Gehörgängen festhakt. Der Schluss kommt überraschend und abrupt. Im Grunde hätten sich Thomas Adès’ konzentrische Kreise ewig weiterdrehen können.

Thorsten Preuß

Aus grauer Vorzeit

Die Lemminkäinen-Suite von Jean Sibelius

Das späte 19. Jahrhundert war die Zeit der nationalen Musikstile. In ganz Europa griffen Komponisten landestypische Stoffe auf oder integrierten Volksmusik in ihre Werke – sei es, um die Stärke einer großen Nation zu feiern, die politische Unabhängigkeit einer kleineren zu erkämpfen, oder einfach, um dem übermächtigen Einfluss anderer Kulturnation etwas Eigenes entgegenzustellen. Jean Sibelius wurde als finnischer Nationalkomponist bekannt – hauptsächlich aufgrund von Werken wie der Kullervo-Sinfonie, der Lemminkäinen-Suite oder der Sinfonischen Dichtungen Pohjolas Tochter und Tapiola. Sie alle basieren auf dem Kalevala, einer von Elias Lönnrot zusammengestellten Sammlung alter karelischer Gesänge. Sibelius plante nach dem großen Erfolg von Kullervo im Jahr 1892 sogar eine Kalevala-Oper, doch dann machte ihm das Erlebnis von Wagners Parsifal und Tristan deutlich, dass er nicht zum Musikdramatiker geboren war.

»Ich habe mein altes musikalisches Selbst wiedergefunden. Viele Dinge sind mir nun klar: Ich bin wirklich ein Tonmaler und Dichter. Liszts Sicht von Musik ist diejenige, die mir am nächsten steht. Daher mein Interesse an der sinfonischen Dichtung.«

Jean Sibelius

So verwarf Sibelius das Opernprojekt und begann stattdessen eine Folge von vier Tondichtungen oder »Legenden«; die bereits fertiggestellte Opern-Ouvertüre wurde zu dem Satz »Der Schwan von Tuonela«. Lemminkäinen, der Held der Suite, ist eine der zentralen Figuren des Kalevala. Er ist ein ebenso schöner wie leichtsinniger junger Mann, ein Kriegs- und Frauenheld gleichermaßen. Das Werk beginnt mit einem von Lemminkäinens erotischen Abenteuern: Er landet auf der Insel Saari, deren gesamte männliche Bevölkerung gerade nicht vor Ort ist, und vergnügt sich mit den Frauen, bis die heimkehrenden Männer ihn vertreiben. Eingangs illustriert die pendelnde Bewegung der Streicher sanften Wellengang. Das erste, tänzerische Thema in den Holzbläsern lässt sich den Mädchen der Insel zuordnen, das zweite, eine sehnsüchtig drängende Cellomelodie, Lemminkäinen. In einem turbulenten Durchführungsteil verbinden sich die beiden Themen miteinander.

Der berühmteste Satz der Suite ist zweifellos »Der Schwan von Tuonela«. »Tuonela, das Reich des Todes, ist von einem breiten Fluss mit schwarzem Wasser umgeben, auf dem der Schwan majestätisch und singend dahinzieht«, schrieb Sibelius dazu. Er war Zeit seines Lebens fasziniert von Schwänen, deren Ruf er einmal mit dem Klang einer Trompete verglich. Im »Schwan von Tuonela« ordnete er dem Vogel das Englischhorn zu. Die begleitenden Streicher versinnbildlichen den ruhig dahinströmenden Fluss.

»Lemminkäinen in Tuonela« – in diesem dramatischen Satz bittet der Held die Königin des Nordlandes um die Hand ihrer Tochter. Sie stellt ihm die Aufgabe, den Schwan von Tuonela töten, doch bei diesem Versuch kommt Lemminkäinen selbst um. Seine Mutter spürt ihn auf und erweckt ihn mit Zaubersprüchen wieder zum Leben. Die verwickelte Geschichte lässt sich nicht in allen Einzelheiten verfolgen, doch dunkle Streichertremoli und große Steigerungen beschwören Bilder von Gefahr und Kampf herauf. Gegen Ende erklingt eine Art Wiegenlied: Laut Sibelius symbolisiert es die mütterliche Liebe.

Im Finale, dem kürzesten Satz, beschließt Lemminkäinen, müde von seinen Abenteuern, heimzukehren. Tanzthemen, Fanfaren und galoppierende Rhythmen bestimmen diese heroische Musik, die neben dem »Schwan von Tuonela« bei der Uraufführung am besten aufgenommen wurde. Allein diese beiden Sätze gab Sibelius 1900, leicht revidiert, zur Veröffentlichung frei. Die übrigen verschwanden in seiner Schublade, nachdem eine zweite Aufführung 1897 schlechte Kritiken erhalten hatte. Erst 1935, zur Hundertjahrfeier des Kalevala, wurde die Suite wieder komplett aufgeführt. 1939 nahm Sibelius eine letzte Überarbeitung vor, und 1947 vertauschte er die Reihenfolge der Mittelsätze. In ihrer viersätzigen Form erschien die Lemminkäinen-Suite erst 1954, drei Jahre vor dem Tod des Komponisten, im Druck.

Jürgen Ostmann

Dr. Thorsten Preuß studierte Germanistik, Romanistik und Musikwissenschaft in Erlangen und Paris. Für seine Dissertation über Bertolt Brechts Lukullus wurde er mit dem Lilli Bechmann-Rahn-Preis ausgezeichnet, außerdem legte er Publikationen u. a. zur Barocklyrik und zur Funkoper vor. Heute ist Thorsten Preuß als Redakteur für Alte und Neue Musik bei BR-KLASSIK tätig.

Jürgen Ostmann studierte Musikwissenschaft und Orchestermusik (Violoncello). Er lebt als freier Musikjournalist und Dramaturg in Köln und arbeitet für Konzerthäuser, Rundfunkanstalten, Orchester, Musikfestivals und CD-Labels.