Brahms-Fund aus dem Notenarchiv des Gürzenich-Orchesters

Wiederaufführung nach 140 Jahren

Gürzenich-Kapellmeister Andrés Orozco-Estrada stellt den »Gesang aus Fingal« op. 17b in der Fassung für gemischten Chor und Orchester zum 40. Jubiläum der Kölner Philharmonie vor.

Akribische Detektivarbeit ermöglichte 2023 einen spektakulären Fund im Notenarchiv des Gürzenich-Orchesters: Vorläufig gestochene und handschriftliche Stimmen und schließlich eine vollständige Partitur des »Gesang aus Fingal« von Johannes Brahms für gemischten Chor und Orchester. Brahms hatte die elegische Totenklage ursprünglich als Teil eines Zyklus von vier Liedern für Frauenchor mit Begleitung von zwei Hörnern und Harfe geschrieben und 1860 in Hamburg vorgestellt. Das Werk wurde von Kritikern und Freunden des Komponisten wie dem Geiger Joseph Joachim wohlwollend aufgenommen, doch gab es auch immer wieder Anregungen, die Besetzung zu erweitern.

Fast zwanzig Jahre nach der Uraufführung gab schließlich Gürzenich-Kapellmeister Ferdinand Hiller, der die Fassung für Frauenchor im Gürzenich aufgeführt hatte, den wohl entscheidenden Impuls. Brahms erarbeitete eine neue Fassung für große Besetzung und schickte seinem Verleger Fritz Simrock 1879 Vorlagen für Chor- und Streicherstimmen. Da Brahms es sich zur Regel gemacht hatte, keine größer besetzten Werke im Druck veröffentlichen zu lassen, die er vorher nicht im Konzertsaal gehört hatte, versuchte er zunächst in Wien und Karlsruhe, wo er als Gast dirigierte, Aufführungen zu organisieren. Zur Aufführung kam es dann schließlich in Köln, wo Ferdinand Hiller für ein Konzert im März 1879 schon zwei Sätze aus Brahms’ »Deutschem Requiem« aufs Programm gesetzt hatte und ihn dazu einlud, diese und die Neufassung des »Fingal« zu dirigieren.

Am 18. März 1879 erklang im großen Saal des Gürzenich unter der Leitung von Johannes Brahms die neue Orchesterfassung und wurde in der Presse wohlwollend begrüßt und vom Publikum gefeiert. Doch Brahms selbst war nicht zufrieden mit dem Ergebnis. »Weder im leeren noch im vollen Saale« habe der Gesang aus Fingal so gewirkt, wie Brahms es sich gewünscht habe, und dieser habe »noch mancherlei« probiert, um »dem Übel abzuhelfen«, berichtete der Brahms-Biograf Max Kalbeck. Brahms zog bei Simrock die Publikation zurück und zeigte sich reumütig bereit, dem Verlag die Kosten für den Notenstich zu erstatten.

»Ich habe oft genug auf das Arrangieren geschimpft, warum lasse ich mich denn dazu verführen?«

Johannes Brahms
Johannes Brahms (1833-1897) in einer Fotografie aus dem Jahr 1853 © Brahms-Institut

Doch die bereits gedruckten und handgeschriebenen Stimmen blieben in Köln zurück. Fünf Jahre später wurde der mit Brahms befreundete Franz Wüllner neuer Gürzenich-Kapellmeister und muss im Notenbestand des Orchesters auf das Material gestoßen sein. Er erstellte daraus eigenhändig eine neue Partitur und setzte am 4. Januar 1887 den »Gesang aus Fingal« aufs Programm. Auch diese erneute Aufführung fand positive Resonanz in der Presse. Franz Wüllner versicherte Brahms, dass seine Neufassung »trefflich klinge« und er sie deshalb »auch so herausgeben solle«. Aber der selbstkritische Brahms ließ sich nicht umstimmen, und so geriet die Fassung in Vergessenheit.

Der Musikwissenschaftler Jakob Hauschildt, Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der neuen Johannes-Brahms-Gesamtausgabe der Universität Kiel und Herausgeber des entsprechenden Bandes, kam den Kölner Materialien nach Hinweisen in der umfangreichen Korrespondenz von Brahms auf die Spur. So konnte der orchestrierte »Fingal« 2025 erstmals veröffentlicht werden, im Rahmen der Brahms-Gesamtausgabe unter der vom Komponisten selbst vorgesehen Opuszahl 17b.

Gürzenich-Kapellmeister Andés Orozco-Estrada wird das Werk im Konzert zum 40. Jubiläum der Kölner Philharmonie am 14.09.2026 vorstellen, es singt ein Projektchor des Netzwerks Kölner Chöre.

14.09.
2026
Mo., 20:00 Kölner Philharmonie
Sinfoniekonzert
Jubiläumskonzert Kölner Philharmonie
Konzert mit dem WDR Sinfonieorchester und Gürzenich-Orchester Köln
ab 12,00 €
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